„EINIGE ASPEKTE DER RICHTER-FRAGE“
- beispielhaft festgemacht an der Sektion B –
von Hartmut Schröder
„Vorschläge der Interessengemeinschaft
…. Befriedigend für den Züchter kann der Besuch einer Schau nur dann sein, wenn er von der Qualität der jeweiligen Richter überzeugt ist. Soweit englische Experten herangezogen werden, kann man von deren Qualifikation jedenfalls dann ausgehen, wenn sie von der WPCS benannt wurden bzw. in England auch als Richter fungieren. Gleiches gilt für die holländischen Fachleute. Soweit deutsche Verbandsfunktionäre als Richter eingesetzt werden, müssen schon Bedenken angemeldet werden. Sofern diese Personen als Diplom-Landwirte geprüfte Tierzüchter sind, müssen sie zwar als Pferdefachleute bezeichnet werden, damit ist aber nichts über ihre Fähigkeit ausgesagt, die besonderen Merkmale der Welsh-Ponies und –Cobs beurteilen zu können.

Wenn man den englischen Standard zugrunde legt, muss man feststellen, dass kaum einer der deutschen Richter – vielleicht mit wenigen Ausnahmen – in England als Richter herangezogen würde. Gerade in England, dem Ursprungsland der Welsh-Ponies und –Cobs, wird eine so intime Kenntnis der Rasse vorausgesetzt, dass kaum ein Richter gleichzeitig alle Sektionen beurteilen kann. In Deutschland ist es jedoch für jeden Verbandsfunktionär selbstverständlich, nicht nur sämtliche Ponyrassen, sondern auch noch alle Großpferde zu richten…..“

Oben stehende Zeilen stammen zwar aus dem IG Welsh-Jahrbuch des Jahres 1976 (S. 82), doch haben sie meines Erachtens nichts an Aktualität verloren. Ganz im Gegenteil!

Deutlich wird das, wenn man z.B. die jüngsten Geschehnisse in der Region Weser-Ems betrachtet: Auf der diesjährigen Zentralstutenschau des Pferdestammbuches Weser-Ems wird eine Welsh B-Stute als das Non-Plus-Ultra ihrer Sektion bejubelt, die wenige Wochen zuvor auf der IG Welsh Regionalschau von einem walisischen Experten in ihrer Klasse unter „Ferner-liefen“ platziert wird.

Statt sich ernsthaft mit dieser Diskrepanz und ihren Konsequenzen auseinanderzusetzen, vernimmt man Stimmen, die die Kompetenz dieses namhaften Welshman in Frage stellen. Dass betroffene Züchter in ihrer Enttäuschung so reagieren, ist für mich noch verständlich. Eine solche Vogel-Strauß-Politik von Seiten der deutschen Zuchtverbände und erst Recht von den Funktionären der IG Welsh zu betreiben, ist gegenüber deutschen Welsh-Züchtern geradezu verantwortungslos. Nach außen wird von niemandem bestritten, dass Grundlage auch der Welsh-Pony-Zucht in Deutschland die Richtlinien des Mutterlandes sein müssen. Und wenn es, wie oben beispielhaft angeführt, so krasse Abweichungen in der Beurteilung eines Ponys gibt, dann gilt es Ursachenforschung zu betreiben! Handelt es sich um das Fehlurteil eines Einzelnen, oder wird deutschen Züchtern in ihren Verbänden eine Orientierung gegeben, die dem internationalen Zuchtstandard nicht standhält?

Der eingangs zitierte Artikel von 1976 zeigt einen Weg auf, der leider in dieser Form von der IG Welsh niemals weiter verfolgt worden, es aber wert ist, neu überdacht zu werden:

Zitat IG Welsh Jahrb. 1976, S. 82, 83:

"Das weitere Vorgehen ist wie folgt vorgesehen:
Zunächst soll jeder Regionalbeauftragte der Interessengemeinschaft aufgefordert werden, aus der Zahl der in seiner Region ansässigen Mitglieder bis zu höchstens drei Personen zu melden, die geeignet und bereit sind, sich zu Welsh-Richtern heranbilden zu lassen. Dieser Personenkreis soll von der Interessengemeinschaft an einem zentralen Ort, z.B. zu einem Wochenend-Lehrgang, zusammengezogen werden. Ein von der WPCS beauftragter englischer Experte – vielleicht auch zwei: einer für die Sektionen A und B, der andere für C und D – soll die Teilnehmer anhand praktischer Demonstrationen mit der Problematik des Welsh Pony-Richtens vertraut machen.

Zum Abschluss dieses Lehrgangs soll jeder Teilnehmer selbst die Möglichkeit haben, ein Pony zu richten. Falls er sich dieser Aufgabe gewachsen zeigt – das könnte die ganze Gruppe beurteilen – erhält er von der Interessengemeinschaft die Qualifikation als ‚Hilfsrichter für Welsh Pony-Schauen’.

Diese Hilfsrichter sollen sodann nach Absprache mit der WPCS eine Woche in England bzw. in Wales verbringen, in dieser Zeit gemeinsam mit Beauftragten der WPCS Welsh Pony-Gestüte besichtigen und Schauen besuchen. Auf diesen Schauen sollen sie die Möglichkeit erhalten, die Tätigkeit des jeweiligen Richters genau zu beobachten und mit ihm anschließend seine Bewertung zu diskutieren.

Eine solche Englandreise sollte für den gleichen Personenkreis mindestens noch einmal wiederholt werden. Außerdem sollten die Hilfsrichter inzwischen auf den deutschen Welsh Pony-Schauen neben den ausländischen Richtern eingesetzt werden. Den Abschluss der Ausbildung kann ein zweiter Wochenend-Lehrgang bilden, bei dem jeder Teilnehmer sein inzwischen erworbenes Können vor einer Kommission, bestehend z. B. aus dem Vorstand und drei Regionalbeauftragten, demonstrieren muss. Zu dem Abschlusslehrgang kann nur zugelassen werden, wer die beiden Englandreisen mitgemacht und mindestens drei Schauen gerichtet hat. Wer die Abschlussprüfung besteht, bekommt von der Interessengemeinschaft die Richterqualifikation, eventuell auf bestimmte Sektionen beschränkt, zuerkannt. Eine Zulassung durch die FN sollte sich anschließen."

Wenn man diese einstmalige Absichtserklärung der IG Welsh – der Beitrag lässt den Verfasser leider nicht erkennen – mit der seit Jahrzehnten geübten Richter-Ausbildungspraxis vergleicht, dann kann es niemanden wundern, dass sich die Welsh-Pony-Zucht in Deutschland vielerorts meilenweit von der des Mutterlandes entfernt hat. Gerade, weil sich in den letzten 30 Jahren natürlich auch in England die Zucht weiterentwickelt hat und auch weiter entwickeln wird, wäre ein kontinuierlicher Austausch mit den Experten der WPCS unverzichtbar, will man an einem gemeinsamen Zuchtziel festhalten.

Damit ich aber nicht falsch verstanden werde: Dem einzelnen Züchter will ich die Möglichkeiten und das Recht nicht streitig machen, die insbesondere bei der Sektion B vorhandene genetische Vielfalt zu nutzen und sich ein Zuchtziel zu setzen, das von dem offiziellen durchaus abweichen kann. Meinetwegen dürfen dabei auch das Größenlimit (137 cm WH) - wie auch gerade in Weser-Ems praktiziert - vernachlässigt, dünnbeinige Individuen und/oder Vollbluttypen angestrebt werden. All das ist bei entsprechender Selektion möglich. "Dem Wollenden geschieht kein Unrecht", wie eine bekannte Lebensweisheit zutreffend lautet. Aufgabe der Zuchtverbände und auch der Interessengemeinschaft aber muss es sein, solchen Individualisten ins Bewusstsein zu rufen, dass sie mit solch eigenem Kurs das abgesteckte Fahrwasser verlassen haben. Und das bedeutet, dass solche Zuchtprodukte entweder gar nicht zur Schau zugelassen (bei Übergröße) oder im Schauring dort platziert werden, wo sie nach internationalem Standard hingehören. Dazu ist es allerdings nötig, dass die deutschen Richter überhaupt in der Lage sind, einen solchen als Maßstab anzulegen. Unsere IG-Richter dabei aus dem Topf der FN/der Verbände zu rekrutieren, ist deshalb erst dann förderlich, wenn diese von anerkannten Experten der WPCS, mindestens aber von erprobten Multiplikatoren, das nötige Rüstzeug vermittelt bekommen haben.

Von dem ein oder anderen Richter hört man als Rechtfertigung seiner Entscheidungen immer wieder, dass wir nicht für den Zuchtring sondern für den Gebrauch und damit für den Markt züchten müssen, womit fälschlicherweise zu suggerieren versucht wird, dass Ersteres mit Zweitem nicht vereinbar sei. Um bei der Sektion B zu bleiben: Auch von mir unbestritten bleibt, dass allergrößten Wert auf die Verbesserung der Reiteignung zu legen ist, doch darf dies nicht zu Lasten der eindeutigen Erkennbarkeit des Welsh-Typs gehen.

Das eigentliche Vermögen des Züchters besteht darin, ein möglichst optimales „Sowohl-als-auch“ zu erreichen, und solche Zuchtprodukte gehören auf die vorderen Plätze der einzelnen Welsh-Zuchtklassen, und allein deshalb verbietet es sich, z.B. Partbred-Typen, mit welchen Reitpoints auch immer, an deren Spitze zu stellen.

Vergessen wird darüber hinaus von so manchem Richter auch, dass es bezüglich des turniermäßigen Gebrauchs von Welsh-B-Ponys sowohl bei der Dressur als auch im Springen und erst Recht beim Fahren neben M- auch K-Klassen (bis 127 cm WH) gibt. Und weil wir auch diesen Markt mit unseren Welsh-B-Ponys bedienen wollen und müssen, dürfen diese im Zuchtring gegenüber solchen, die sich am Endmaß bewegen, nicht benachteiligt werden. Doch wie oft sind auf deutschen Schauplätzen Richter-Kommentare zu hören wie: „Bei einem Welsh-B-Pony wünschen wir uns doch mehr ‚Rahmen’!“, wobei vielfach mehr ‚Größe’ gemeint ist.

Zusammenfassend möchte ich für mich feststellen, dass wir in Deutschland allen Grund haben, den Schulterschluss mit der WPCS zu üben, statt uns immer weiter von ihr zu entfernen (ein geradezu abschreckendes Beispiel hierfür stellt auch die sog. „Münchener Erklärung der kontinentalen Zuchtverbände“ dar). Wer sich anschickt, Welsh-Ponys und -Cobs fachgerecht und verantwortungsvoll zu beurteilen, kommt nicht umhin, sich immer wieder aufs Neue an der Quelle Orientierung zu holen. Dass die Engländer dazu bereit sind, beweisen die durchaus vorhandenen und für die Welsh-Zucht in Deutschland segensreichen, oftmals geradezu freundschaftlichen Kontakte zwischen deutschen und walisischen Züchtern. Insbesondere unsere Juroren sollten sich bemühen, ebensolche zu suchen.