WM der Fahrer mit Behinderung

Gold für die Mannschaft
Einzelmedaillen für Bernd Käsgen und Heiner Lehrter

v. Jutta Lehmeyer


Silke Harde, zweiter Platz in der Dressur
Kurz vor der dritten Deutschen Meisterschaft der behinderten Einspännerfahrer, etwa Ende August 2003, war es endlich so weit: Ausrichter und Termin der nächsten Weltmeisterschaft für behinderte Gespannfahrer lagen dem Deutschen Kuratorium für therapeutisches Reiten vor. Vom 27.05.-30.05.04 würde parallel zu den schottischen Meisterschaften im Gespannfahren in Edinburgh unsere nächste WM stattfinden. Ehrlich gesagt, für die Fahrer

Ein königliches Gefühl.
Mit allem hatten die behinderten Einspännerfahrer gerechnet, als sie sich auf den Weg ins schottische Edinburgh machten, um dort vom 27.–30.Mai 2004 an den 4. Weltmeisterschaften für behinderte Gespannfahrer teilzunehmen, aber nicht damit, dass sie auf dieser Veranstaltung auf seine königliche Hoheit Prinz Philip, Duke von Edinburgh treffen würden, der dort mit seinem Pony-Vierspänner an den nationalen schottischen Meisterschaften teilnahm. Dabei war es ohnehin schon ein erhabenes Gefühl, als die Teams nach fast 30-stündiger Anreise in Hopetoun House, dem über 300 Jahre alten, im gregorianischen Stil erbauten, Herrensitz der Marquesses von Linlithgow ankamen. Eingebettet in die wunderschöne schottische Parklandschaft wurde das Fahrerlager unter Jahrhunderte alten Eichen errichtet und bei den Trainingsfahrten durch das 60 ha große Anwesen folgten den Fahrern die Damwildrudel.

Sehr anspruchsvolle Prüfungen
Nach und nach trafen die Teams aller acht teilnehmenden Nationen ein. Die Freude, viele bekannte Gesichter und alte Freunde wiederzutreffen, war groß, aber auch die Anspannung unter den 29 Fahrern und ihren Trainern. Man war sich einig, dass die Prüfungen dieser Weltmeisterschaft auf dem bisher höchsten Niveau liegen würden: eine unglaublich anspruchsvolle Dressur, die den S-Dressuren im Regelsport in Nichts nachstand, eine hügelige Marathonstrecke mit 6 verzwickten Hindernissen und ein Kegelparcours, der mit seinen 20 Toren auf den ersten Blick durchaus fahrbar schien, sich durch das plattgefahrene, glatte Gras aber zu einer wahren Rutschpartie entwickelten sollte - allerhöchste Anforderungen für alle Teilnehmer.

Pech für Opal?
Am Mittwoch erfolgte der Veterinär-Check, alle Pferde hatten den Transport bestens überstanden. Beim nachmittäglichen Training allerdings gab es den ersten Schrecken: Sielke Hardes Pony Opal lahmte deutlich. Der eilends herbeigerufene Turnier-Hufschmied entschied das Eisen abzunehmen. Zum Vorschein kam ein abgebrochener Hufnagel! Das Aus für das Team ? Nein, so schnell wollte keiner aufgeben. Die Spitze des Nagels konnte der alte Schmied nach einigen Versuchen entfernen. Und nun hieß es eine Entzündung zu verhindern. Die ganze Nacht hindurch wurden im 2 Stunden Rhythmus kalte Umschläge gemacht, am frühen Donnerstag wurde neu beschlagen, passend zur Dressur angespannt und ...Opal lief klar und sauber, als wäre nie etwas gewesen.


Bernhard Bücker mit Welsh-C Kurbaum Flop
4. Platz Gesamtwertung Grad II

Die Platzierungen der Deutschen Fahrer
Nun hieß es `Daumen drücken´ für die Dressur. Als erster deutscher Starter musste der Emsdettener Bernhard Bücker, behindert durch Kinderlähmung, mit seinem Welsh-C-Pony Kurbaums Flop ins Dressurviereck. Ihn, den contergangeschädigten Heiner Lehrter aus Mettingen und den querschnittgelähmten Karl-Bernd Käsgen aus Nassen hatte Trainer Ulli Hengemühl für die Mannschaft nominiert. Als ausgezeichneter Dressurfahrer, der erst 14 Tage zuvor bei den heimatlichen Kreismeisterschaften im Regelsport eine sagenhafte Wertnote von 8,4 erhielt, sollte B. Bücker der Mannschaft den nötigen Vorsprung verschaffen. Aber, ausgerechnet hier sollte es nicht wie gewohnt klappen, und so reichte es nur für den sechsten Platz im Grad II. Auch Heiner Lehrter, der eine besondere Vorliebe für Dressurprüfungen hat, konnte seinem eigenen Anspruch nicht ganz gerecht werden, er hatte sich mit seinem Pony Cholin S mehr als Platz vier in Grad I erhofft. Als zweiter Grad II – Fahrer im deutschen Team musste der Westbeverner Werner Borgmann, der durch die Lähmung seiner rechten Schulter eingeschränkt ist, an den Start. Mit der Erfahrung der WM 2000 und ohne den Druck, für die Mannschaftswertung zu fahren, gelang ihm mit seiner Stute Riva eine sehr gute Vorstellung, die ihm den zweiten Platz hinter dem Titelverteidiger aus Ungarn einbrachte. Der letzte deutsche Fahrer, der für die Mannschaftswertung ein gutes Ergebnis beisteuern sollte, war Karl-Bernd Käsgen. Und er vollbrachte eine Glanzleistung: mit traumwandlerischer Sicherheit führte er seinen Oldenburger Concerto Grosso durch die Prüfung und gewann mit großem Abstand die Dressur im Grad I, ja, er war sogar erheblich besser als der Sieger der leichter behinderten Fahrer im Grad II. Als letzte des deutschen Teams musste die querschnittgelähmte Sielke Harde aus Welver mit Opal an den Start. Völlig unbeeindruckt vom WM-Druck, „Ich hatte ja keine Zeit zum Nervöswerden!“, legten die Beiden eine Dressurprüfung hin, die alle in Erstaunen versetzte und Sielke Harde auf den zweiten Platz hinter Karl-Bernd Käsgen brachte.

Neues Bewertungsverfahren in der Dressur
Durch die Überarbeitung des Regelwerks des IPEC gab es in der Dressur eine wesentliche Neuerungen: die Prüfung Präsentation wurde nicht mehr am stehenden Gespann durchgeführt, sondern - zum Vorteil derer, die mit einer `Kombi-Kutsche´ sowohl in Dressur und Kegelfahren, wie auch im Marathon, antreten - wurde die Bewertung von Stilechtheit, Sauberkeit und Korrektheit des Gespanns während der Dressur abgenommen und als 15. Wertnote in die Dressurnote eingerechnet.

Ein weiteres Novum war, dass die WM auch für Zweispänner ausgeschrieben worden war. Hatte man sonst aus Sicherheitsgründen nun Einspänner zugelassen, konnten sich zum ersten Mal vier Zweispänner, leider ohne deutsche Beteiligung, dem Urteil der Richter stellen.

Die Geländeprüfung
Nach einem Ruhetag, an dem sich endlich der eisige Westwind legte und mit den Wolken auch Regen und Nachttemperaturen von mehr als 2° C kamen, ging es am Samstag in den Marathon. Trotz des regnerischen Wetters strömten mehr und mehr Zuschauer zu den Hindernissen, alle waren gespannt, wie sich die Fahrer schlagen würden.

Der nächtliche Regen hatte das Gras glatt und rutschig gemacht, es musste besonders vorsichtig gefahren und die Kräfte der Ponys gut eingeteilt werden; es war ein anstrengender Weg durch die 15 km lange Marathonstrecke. Aber das kühle, feuchte Wetter tat den Pferden gut, frisch kamen sie am ersten Hindernis an und nach der Aufforderung durch die Fahrer forcierten sie willig ihr Tempo. Werner Borgmann, diesmal der erste im deutschen Starterfeld, steuerte mit Sohn Thorsten als Beifahrer geschickt durch die Tore, schickte seine riesige Westfalen-Stute weite, runde Wege. Aber gleich im ersten Hindernis machte er einen entscheidenden Fehler: in dem Wirrwarr aus Bäumen und Lattenzäunen verlor er die Übersicht, musste eine Volte fahren, durchfuhr dabei ein Tor von hinten und wurde mit 20 Strafpunkten belegt. Pech für ihn, denn der vor ihm liegende Ungar Elec Taczmann war nicht so stark wie in den Jahren zuvor, wäre durchaus zu schlagen gewesen. Nun reichte es nur noch für Platz 8. Besser machte es Karl-Bernd Käsgen, sicher steuerte er durch die Hindernisse, schnell war er, bestens unterstützt durch seine langjährige Beifahrerin Eva Hübbe, und er schaffte das bis dahin beste Ergebnis im Grad I, eine tolle Leistung. Auch Sielke Harde mit ihrem kleinen Welsh-Pony machte einen guten Eindruck in den ersten Hindernissen, konnte aber wegen eines Fahrfehlers im Wasserhindernis den Marathon nicht beenden. Schade, nach dem tollen Ergebnis in der Dressur. Nur ein paar Starter später war Heiner Lehrter mit Beifahrer Peter Lehmeyer im ersten Hindernis und merkte schnell, wie glatt der Boden war. Sofort wurde das Tempo etwas gedrosselt, wieselflink und durch die kleinsten Lücken zwängte sich das Gespann, ruhige Anweisungen vom Beifahrer, blind befolgt vom Fahrer, ein eingespieltes Team. Sagenhaft die Zeiten, von Hindernis zu Hindernis wurden die Zeiten besser, Bestzeiten in allen sechs Hindernissen und - sogar viermal Bester aus beiden Grads. Als letzter ging Bernhard Bücker in den Parcours, wollte es wissen, feuerte sein Pony an, ungewohnte Töne vom sonst so ruhigen Fahrer. Und auch er zeigte mit Beifahrer Christian Niehoff eine tolle Leistung, belegte den fünften Platz in Grad II.

Begeistert zeigte sich auch Equipchef Albert Sahle. „Eine Leistungssteigerung die ich nie für möglich gehalten habe!“, lobte er die Fahrer/in.

Erfreulich der Stand nach zwei Prüfungen: Platz 1 und 2 in Grad I, Platz 5 und 6 in Grad II. Deutlich auch das Mannschaftsergebnis: mit über 30 Punkten führte die deutsche Mannschaft vor Großbritannien und Schweden. Ein sicheres Polster für den letzten Tag.

Schwierigkeiten beim Hindernisfahren
Strahlender Sonnenschein lockte die Fahrer aus ihren Zelten und Wohnwagen, richtiges Sonntagswetter. So wurde das Turniergelände von vielen Edinburghern zu einem Ausflug genutzt, eine tolle Kulisse für das abschließende Kegelfahren. Gestartet wurde, wie immer, in der umgekehrten Reihenfolge des bisherigen Platzierung, getrennt nach Grad I und II. Und die Fahrer/innen hatten es wieder spannend gemacht: jeweils ein Abwurf, der mit fünf Strafpunkten geahndet wird, lag zwischen den ersten fünf Fahrern in Grad I, lediglich Heiner Lehrter konnte sich zwei Bälle auf den hinter ihm liegenden Briten Steven Manyweathers leisten.

Einzelmedaillien für Käsgen und Lehrter Grad I
Diesmal musste Sielke Harde als erste des deutschen Teams an den Start. Nach der Enttäuschung vom Vortag wollte sie im Kegel-Parcours noch einmal ihr Können unter Beweis stellen. Aber Pony Opal legte los, als wollte er den Marathon vom Vortag noch beenden, bei dem schwierigen Boden und nur 20 cm Zugabe zur Spurbreite der Kutsche keine Chance für Sielke Harde ohne Abwürfe ins Ziel zu kommen.

Nun hieß es warten, wie sich die anderen schlagen würden, aber bei nahezu allen Fahrern purzelten die Bälle ungewohnt häufig von den Kegeln. Keine zwei Kegeltore standen in einer geraden Linie hintereinander, jedes Tor oft nur ein wenig aus der Richtung, ein wirklich welt-meisterlicher Parcours! Erst der an sechster Stelle liegende Schwede Magnus Jernetz-Gustavson schaffte eine Null-Runde. Würden es die Nächsten genau so gut schaffen und Heiner Lehrter und Karl-Bernd Käsgen noch mehr unter Druck setzen? Nein, alle patzten, kämpften mit dem glatten Boden und den verzwickten Toren. Als auch Heiner Lehrter, wie in der Dressur mit Ehefrau Sabine als Beifahrer, zwei Bälle abwarf, schien es für Karl-Bernd Käsgen eine sichere Sache zu sein. Doch er machte es noch einmal richtig spannend: ganze drei Bälle leistete er sich, dazu noch eine Zeitüberschreitung ......es wurde knapp, sehr knapp. Um Haaresbreite konnte Karl-Bernd Käsgen seinen Vorsprung halten und seinen Titel verteidigen, und zum ersten Mal wurde Heiner Lehrter Vizeweltmeister in Grad I!

Beim Kegelfahren für Bücker Platz vier und Borgmann Platz sechs
Wie würde es im Grad II laufen? Auch hier lagen die ersten drei Fahrer eng beieinander, was war für die deutschen Fahrer noch drin? Die Bälle purzelten wie bei den Grad I-Fahrern, viele kamen mit Zeitfehlern ins Ziel. Werner Borgmann schlug sich gut, nur drei Bälle, aber es reichte nicht für einen besseren Platz. Bernhard Bücker ging mit der gewohnten Ruhe an den Start, und es lief richtig gut für ihn: mit nur einem Abwurf und ein paar Strafpunkten aus der Zeitüberschreitung konnte er sich um einen Platz nach vorne schieben, Platz vier für ihn und Kurbaums Flop. Den Rest machten die drei Führenden unter sich aus.

Gold für die Mannschaft

Prinz Philip gratulierte
Und die Mannschaftswertung? Mit einem enormen Vorsprung von knapp 30 Punkten konnte die Mannschaft Deutschlands zum zweiten Mal ihren Titel verteidigen, gefolgt vom Gastgeberland Großbritannien und den Schweden. Für eine kleine Überraschung sorgten die Holländer: zum ersten Mal konnten sie sich auf den vierten Platz hocharbeiten, mit nur zwei Fahrern, ohne Streichergebnisse!

Zur Siegerehrung erschien dann Prinz Philip, gratulierte allen Teilnehmern mit einem herzhaften Händedruck und ein paar freundlichen Worten, ein wahrhaft königliches Gefühl.

Ein paar Worte des Dankes möchte ich noch los werden: an die Fahrer und Fahrerinnen für die wundervolle, freundschaftliche Atmosphäre, an die fleißigen Helfer und Teammitglieder, an den Veranstalter für das perfekt organisierte Turnier, an das DKThR für die Unterstützung, an unseren Trainer Ulli Hengemühl und Equipchef Albert Sahle für ihren großen Einsatz und ganz besonders an diejenigen, die in Zeiten immer knapper werdender Mittel und Zuschüsse durch ihre großzügigen Spenden für unser Team das Unternehmen Weltmeisterschaft erst möglich gemacht haben!

Grad 1 Grad 2 Mannschaft
Gold Karl-Bernd Käsgen (D) Elec Taczmann (U) Deutschland
Silber Heiner Lehrter (D) Charlotte Henriksson (Sw) Großbritannien
Bronze Adriaan Struyk (Ned) Judith Ralls (Gbr) Schweden
4.Pl. Bernhard Bücker
6.Pl. Werner Borgmann

Jutta Lehmeyer -
Pressesprecherin der IG Fahren für Menschen mit Behinderung e.V.
An der Zechenbahn 49, 49477 Ibbenbüren, Tel.: 05451/15979
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