Vom Umgang mit Tieren
und Menschen

Clippen, Was ist das?

Text und Fotos von Eberhard Holin


Hinführung

Auf der letzten Bundesschau in Ostbevern ist es während der Vorstellung und Beurteilung der Klasse für 3-4-jährige Welsh-A-Stuten ohne Fohlen (Klasse Nr.8) zu einem Eklat gekommen. Die walisische Richterin Mrs Sells (Priestwood) hatte in der 9-köpfigen Klasse zwei Stuten einer holländischen Züchter-Familie auf den 8. bzw. 9. Platz rangiert. Auf dem 8. Platz stand die Stute, die 3 Wochen zuvor von einem deutschen Richter auf der Regionalschau Hannover zur Welsh-A-Siegerstute, zum Sektionssieger Welsh-A und zum Tagesreserve-Sieger gemacht worden ist.  

Gut sichtbar für die nur in kurzer Entfernung sitzenden Zuschauer des Rings1 entwickelte sich zwischen der Richterin und der Ausstellerin/Besitzerin der beiden an den Schluss gestellten Tiere eine längere Diskussion. Anhand der deutlichen Mimik und Gestik wurde deutlich, dass hier - während des Beurteilungsverfahrens - kontrovers diskutiert wurde, für den „Welsh-Normalverbraucher“ eine ungewöhnliche Situation, da sich auf den IG-Schauen in der Regel die Aussteller dem Richtverfahren und dem Urteil des jeweiligen Richters widerspruchslos unterwerfen. Allenfalls macht der mit dem Prüfergebnis unzufriedene Aussteller nach beendeter Prüfung außerhalb des Rings seiner Enttäuschung Luft, zumal die Entscheidung des Richters nach § 12 Abs. 8. der Welsh-Schau-Ordnung ohnehin „unanfechtbar“ ist.
Aufgrund dieser auffälligen Situation diskutierten die Zuschauer mögliche Gründe für die deutlich sichtbare Kontroverse, und es machten sich Spekulationen breit, zum größten Teil zum Nachteil der Ausstellerin. Das Geschehen im Ring erfuhr noch eine Steigerung, als der Ehemann und Mitbesitzer im Ring erschien und seine Ehefrau aufforderte, den Ring mit den beiden Ponys zu verlassen, was dann auch geschah. Der Vorführer des zweiten Ponys der Familie (auf Platz 9) schloss sich dem Auszug an.  

Nach Beendigung der Klasse bildeten sich an den Seiten des Rings einige Steh-Konvente, in denen tatsächliche und vermeintliche Welsh- und Zucht-Experten Spekulationen über die vorangegangene „Schau-Nummer“ austauschten. Nach etwa einer halben Stunde Verzögerung sickerte dann durch, dass nach ausdrücklicher vorheriger Veranlassung durch den Veranstalter Ponys mit geclippten Tasthaaren von den Richtern „nach hinten zu setzen oder nach draußen zu schicken“ seien.

Inzwischen hat die betroffene Ausstellerfamilie in einem Brief an die IG Welsh „Beschwerde“ über die ihr widerfahrene Behandlung geführt:
„Als Holländer war uns nicht bekannt, dass in Deutschland das Entfernen von Tasthaaren bei Pferden verboten ist. Sie wissen, dass in anderen Ländern das Entfernen der Tasthaare erlaubt ist. In Welsh aktuell habe ich in den letzten Jahren über so etwas nichts gelesen, dass das in Deutschland verboten ist. Kein Richter oder jemand von der IG Welsh (Vorstand oder ähnliches) hat uns in den letzten 4 Jahren darauf aufmerksam gemacht. Niemand hat mit mir darüber gesprochen.
Herr Clement sagt, dass er schon in Verden bei der hannoverschen Regional Schau über das „Clippen“ mit der Schauleitung gesprochen hätte. Mich hat er in Verden auf das „Clippen“ nicht angesprochen nachdem er uns sogar gratuliert hat zu unseren Erfolgen...
Vor allen Besuchern der Bundesschau bin ich lächerlich gemacht worden. Warum hat mich die IG Welsh nicht vor der Schau darauf aufmerksam gemacht? Sind wir den weiten Weg gefahren, um so behandelt zu werden!!!...
Warum hat vor der Schau keiner mit uns darüber geredet?...“
(Auszug aus dem Schreiben v. 17. Sept. an die IG)
Die IG Welsh antwortete wie folgt:
„...Das Entfernen der Tasthaare am Kopf (auch unter dem Begriff „clippen“ bekannt) widerspricht dem deutschen Tierschutzgesetz und stellt eine Ordnungswidrigkeit da. Dass Sie als langjähriges Mitglied der IG Welsh und aktiver Aussteller vom Inhalt der Welsh-Schauordnung (WSO) keine Kenntnis haben, ist sehr bedauerlich. Es ist sicherlich auch nicht die Aufgabe eines Veranstalters, sich die gemeldeten Ponys und Cobs einer Schau vorher einzeln anzusehen und zu prüfen, ob alles rechtens ist. Diese Verantwortung obliegt jedem Teilnehmer einer Zuchtschau.
Dass Ihre Ponys auf der Regionalschau Hannover dem amtierenden Richter nicht aufgefallen sind, ist bedauerlich. Wir werden diesen Vorfall zum Anlass nehmen, auf der kommenden Richtertagung dieses Thema noch einmal ausführlich zu besprechen...“
(Auszug aus dem Schreiben der IG vom 26.Sept.2005. Zur Information der IG-Mitglieder wurden uns beide Schreiben von den Beschwerdeführern zur Verfügung gestellt.)
Diskussion des Vorgangs
Die IG stellt u.a. fest: „Dass Sie als langjähriges Mitglied der IG (seit etwa 1999, Anm. des Verf.) und als aktiver Aussteller (seit 2001, Anm. des Verf.) vom Inhalt der Welsh-Schauordnung (WSO) keine Kenntnis haben, ist sehr bedauerlich.“
Zur WSO
Schaut man in die derzeit gültige Schauordnung (WSO), so findet man dort lediglich folgende Formulierung:
§ 14 Ausstattung von Schauponys und Vorführern
  1. Ponys und Cobs sind in gepflegtem Zustand den Richtern vorzustellen. Dabei sind die Regeln des Tierschutzes zu beachten“...
(IG Welsh, Welsh-Schauordnung (WSO), Druck: Dezember 2002, S.7)
Der Begriff „Clippen“ oder die Beschreibung „Entfernen der Tasthaare“ oder eine andere zielgerichtete Beschreibung des beanstandeten Sachverhalts ist in der WSO der IG Welsh an keiner Stelle zu finden. Es findet sich lediglich der allgemeine Hinweis auf die Beachtung der „Regeln des Tierschutzes“.
Das Deutsche Tierschutzgesetz
Im gültigen Deutschen Tierschutzgesetz (Das aktuelle Tierschutzgesetz in der Fassung v. 25.05.1998 gilt seit dem 1.Juni 1998), finden sich u.a. folgende Vorschriften:
§ 1 Grundsatz
  Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen...
§ 6 Amputation bei Wirbeltieren
  Verboten ist das vollständige oder teilweise Amputieren von Körperteilen oder das vollständige oder teilweise Entnehmen oder Zerstören von Organen oder Geweben eines Wirbeltieres...
Auch im Wortlaut des Deutschen Tierschutzgesetzes kommt der Begriff „Clippen“ oder die Beschreibung „Entfernung der Tasthaare“ an keiner Stelle vor.
 
Im Klartext heißt das: Obwohl in den einfacher zugänglichen Texten (WSO, Deutsches Tierschutzgesetz) der Begriff „Clippen“ bzw. „Entfernen der Tasthaare“ explizit nicht zu finden ist, lastet die IG Welsh in ihrem Schreiben die Unkenntnis über tierschutzrelevante deutsche Vorschriften den Ausstellern ihrer Schauen an. Im Grunde verlangt sie sogar von fremden Staatsangehörigen(!) ein eigenverantwortliches vertieftes selbst zu erbringendes Studium weiterführender deutscher tierschutzrelevanter Kommentar-Literatur.
An die IG stellen sich folgende Fragen:
  1. In welchen Ausgaben von Welsh intern, Welsh aktuell und Welsh-Jahrbuch ist über tierschutzrelevante Thematiken informiert und diskutiert worden? Wo finden sich auf der Homepage der IG entsprechende Fundstellen?
  2. In welchen Verlautbarungen, Schriftsätzen etc. der IG wird das „Clippen“ thematisiert und als Verstoß gegen das Deutsche Tierschutzgesetz eindeutig und unmissverständlich angeprangert, und zwar insbesondere vor dem Hintergrund, dass das Clippen im Mutterland der Welsh Ponys und -Cobs (von einigen) praktiziert wird?
Weitere Fragen
In dem o.g. Schreiben bedauert die IG, dass die geclippten Ponys dem amtierenden Richter auf der Regionalschau Hannover nicht aufgefallen sind. Es entsteht der Eindruck, dass nun ein Einzelrichter als Sündenbock herhalten soll, weil er im konkreten Fall den Verstoß gegen Deutsches Tierschutzrecht nicht bemerkt hat. Nun hat die gemaßregelte Familie aber seit ihrer IG-Mitgliedschaft erfolgreich Ponys auf IG-Schauen vorgestellt. So konnte sie auf der 26. Bundesschau 2001 in Alsfeld mit einer Welsh-A-Stute die Titel der Bundessiegerstute und des Bundessiegers A (Sektionssieger) erzielen. Im selben Jahr wurde diese Stute auf der Regionalschau Weser-Ems unter dem Richter U. Rosenthal bei den 3-5-jährigen Stuten Klassensiegerin und anschließend Reserve Sektionssieger, und unter dem Richter Hans-H. Jäger auf der Regionalschau Westfalen ebenfalls Klassensiegerin und Reserve Tagessieger.
War diese Stute bei diesen Erfolgen etwa auch geclippt und dieser Umstand ist von den damaligen amtierenden Richtern nicht bemerkt worden? Spätestens bei Vergabe der Championatstitel hätte das doch auffallen müssen, denn da sind doch immer mehrere Richter zugegen.
Seit Jahren stellen Züchter und Aussteller mit anderer Staatsangehörigkeit ihre Zuchtprodukte auf deutschen Schauen aus. Sind alle diese Beschicker von der IG über das deutsche Tierschutzrecht informiert worden?
Auf der Internationalen Schau 2002 in Aachen waren zahlreiche Welsh-Ponys und -Cobs aus den Anrainer-Staaten ausgestellt. Die IG Welsh war verantwortlicher Veranstalter dieser Schau. Das Schaugelände liegt im Geltungsbereich des Deutschen Tierschutzgesetzes. Hat die IG im Vorfeld dieser Veranstaltung die Aussteller auf die Einhaltung dieser deutschen Rechtsnorm hingewiesen? Ist sie ähnlich wie auf der diesjährigen Bundesschau bei Verstößen gegen die Vorführer aktiv geworden?
Optimal gelaufen?
Es erübrigt sich, an dieser Stelle über die Reduzierung und Löschung unerwünschten Verhaltens und über die Fragwürdigkeit rigoroser Bestrafungstechniken zu referieren. In Konfliktfällen ist heute eher „kommunikative Kompetenz“ gefragt. Jedem Verantwortlichen sollte ein abgestuftes Repertoire von Verhaltensweisen und ein differenzierter Maßnahmenkatalog zur Verfügung stehen, insbesondere wenn die Konfliktbereinigung öffentlich wird.
Ein Beispiel
In der Ausschreibung der „Chevrolet Silver Trophy“ der Deutschen Quater Horse Association (DQHA) vom 11.-13.April 2003(!) in Aachen findet sich folgender Hinweis:
Clippen
  Betreffend des Clippens der Pferde wird auf folgenden Umstand hingewiesen. Das Veterinäramt (Amtstierarzt) der Stadt Aachen weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass bei Zuwiderhandlung gem. der geltenden Gesetzgebung mit einer Anzeige zu rechnen ist...“
Spätestens nach der Regionalschau Hannover wäre ein klärendes Gespräch in kleinstem Kreis fällig gewesen. Ich bin sicher, dass eine solche Maßnahme den gewünschten Erfolg gebracht hätte. Stattdessen wurde zum Schaden aller eine öffentlichkeitswirksame stupide „Holzhammer-Methode“ praktiziert, die alle Beteiligten in Misskredit bringt. Jetzt will die IG „diesen Vorfall zum Anlass nehmen, auf der kommenden Richtertagung dieses Thema noch einmal ausführlich zu besprechen.“
 
Anhang
Zur Information
Die veterinär-medizinische Argumentation
Die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e.V. (TVT) hat ein Merkblatt herausgegeben „Clippen von Pferden“. Darin heißt es u.a.:
 

„Von verschiedenen Pferdesport- und Zuchtverbänden (z.B. Western- und Arabervereinigungen) werden Turniere und sonstige pferdesportliche Wettbewerbe veranstaltet, zu denen Pferde zugelassen werden, bei denen die Tasthaare am Kopf, sog. Vibrissen, rasiert oder auf andere Weise entfernt („gec(k)lippt), sowie die Haare in den Ohren ausgeschnitten wurden. Diese Manipulationen an den Pferden sind tierschutzwidrig. Sie widersprechen den Verbotstatbeständen gemaß § 6 TierSchG und sind mindestens als Ordnungswidrigkeiten gemäß § 18 Abs.1, Nr.8 zu ahnden.

Sollte im Einzelfall durch einen tierärztlichen Sachverständigen festgestellt werden, dass einem Pferd infolge der Manipulationen länger anhaltende oder sich wiederholende Schmerzen oder Leiden zugefügt wurden bzw. werden, ist gemäß § 17 Nr. 2b wegen des Verdachts einer Straftat die zuständige Staatsanwaltschaft einzuschalten.  

  Begründung
 

Bei den Tasthaaren, den „Vibrissen“, die unter anderem besonders im Kopfbereich vorkommen, handelt es sich um Haare, die in hochempfindlichen, mit einer Vielzahl verschiedener Nervenzellen ausgestatteten Follikeln enden. Sie dienen dem Pferd u.a. dazu, den durch die Augen nicht kontrollierbaren Teil des Kopfes, etwa zur Prüfung des Futters bei der Futteraufnahme, zu nutzen oder die Kopfpartien vor ungewollten, möglicherweise schmerzhaften oder gefährlichen Berührungen zu schützen. Die Haare sind unabdingbarer Bestandteil eines Tastorgans, das bei ihrer Entfernung nicht mehr funktionsfähig ist. Hierzu liegen übereinstimmende wissenschaftliche Arbeiten vor. Durch das Entfernen der Haare wird eine Verhaltensänderung der Tiere bewirkt, die zu einer unnatürlichen Körperhaltung führt...  

§ 6 TierSchG verbietet u.a. das vollständige oder teilweise Entfernen oder Zerstören von Organen. Dieser Tatbestand liegt im Fall des Entfernens – ganz gleich auf welche Art – der zuvor näher beschriebenen Haare vor, da es sich hier nicht lediglich um abgestorbene Hornteile, sondern um für die Funktion unabdingbare spezielle Organteile handelt. Auch hierzu liegen wissenschaftliche Gutachten vor.
Gemäß § 16 a TierSchG trifft „die zuständige Behörde die zur Beseitigung festgestellter Verstöße und die zur Verhütung zukünftiger Verstöße notwendigen Anordnungen“. Es ist daher zu überlegen, ob aufgrund dieser Rechtsvorschrift im vorliegenden Fall nicht sogar die Verpflichtung besteht, die Teilnahme derart manipulierter Pferde am Turnier zu untersagen.
Merkblatt Nr.61, Autor Dr. Karl Fikuart, Stand Juli 1998, S.2