Ehrenkodex nur für Richter?
von Eberhard Holin
In der Geschäftsordnung der IG Welsh für das Welsh-Richterkollegium (GOWRK) werden folgende Feststellungen getroffen:

Präambel
  1. Die Berufung zum Richter wird in der Erwartung sachkundiger Objektivität und zum Fortschritt der Welsh-Zucht ausgesprochen.
  2. Die Mitglieder des Richterkollegiums verpflichten sich, den züchterischen Grundsätzen getreu und unabhängig von sachfremden Einflüssen ihres Amtes zu walten.
  3. Es ist ihr Bestreben, ihr Urteil durch stete Bereitschaft zur fachlichen Weiterbildung zu untermauern und der ihnen übertragenen Verantwortung gerecht zu werden, (GOWRK, Druck Dezember 2002, S.1)
In der Welsh-Schau-Ordnung (WSO) heißt es:
§12 Abs. 5
Die Richter walten ihres Amtes ohne Einsicht in den Schau-Katalog. Sie erhalten einen besonderen Richt-Katalog mit folgenden Angaben: Katalog-Nummer, Sektion, Geschlecht, Farbe, Geburtsjahr, Stockmaß. Es dürfen keine weiteren Angaben gemacht werden, insbesondere nicht solche, die auf den Züchter oder die Abstammung schließen lassen (...)
7. Bei Bundesschauen sollen keine Richter aus dem Zuständigkeitsbereich jenes Zuchtverbandes bestellt werden, in dessen Einzugsgebiet die jeweilige Bundesschau stattfindet, (WSO, S.6, Druck Dezember 2002).
Die IG Welsh setzt also für die Richter hohe „ethische Maßstäbe“, nach denen sie sich auf der Basis einer gerechten und bindenden Grundhaltung in der konkreten Beurteilungssituation „verantwortlich gegen Jedermann“ verhalten sollen.

Ehrenkodex auf Bundesschauen
auch für Mitglieder der Veranstaltungs- und Schauleitung?

In der Welsh-Schau-Ordnung(WSO) wird vorgeschrieben, dass der Schaukatalog u.a. Angaben zu den Personalia (Veranstalter, Schauleitung, amtierende Richter... Schiedsgericht... Organisatoren ...etc. enthält, (§10 Abs 2, S. 4).
Weitere Ausführungen zu den Begriffen Veranstalter, Schauleitung und Organisatoren werden in der WSO nicht gemacht mit Ausnahme der Festschreibungen zum Schiedsgericht. Hier heißt es:
§ 18, Abs.1.
Für jede Schau ist ein Schiedsgericht zu berufen, das im Schau-Katalog genannt werden muss. Es besteht (...)
1b) bei Bundesschauen aus dem 1. Vorsitzenden, dem 2. Vorsitzenden (bei Verhinderung oder Befangenheit eines der beiden einem weiteren Mitglied des Vorstandes oder Beirates) und einem Mitglied des Beirats, (...), S. 9.

Im Widerspruch dazu die Auflistung im Katalog zur Bundesschau 2005
Schiedsgericht: zwei Richter, ein Mitglied der Veranstaltungsleitung, ein Mitglied der Schau- bzw. Turnierleitung, (Schaukatalog, S. 2)
Wäre es auf der diesjährigen Bundeschau zu einer Anrufung des Schiedsgerichts gekommen, wäre dieses nicht WSO-gemäß besetzt gewesen (bei der Besetzung des Schiedsgerichts im Katalog wird auch nicht zwischen Zucht- und Sportrichtern unterschieden).

Welche Kompetenzen für Schau- und Veranstaltungsleitung?
Im Regelwerk der IG finden sich keine näheren Auskünfte über die Abgrenzungen der einzelnen Veranstaltungsbereiche Schau, Veranstaltung, Organisation, etc. und eine Konkretisierung der entsprechenden Verantwortlichkeiten. In den Katalogen zu den Bundesschauen ist meistens von „Veranstaltungsleitung“, „Schauleitung“ und „Turnierleitung“ die Rede. Im Katalog der Bundesschau von 2000 steht jedoch lediglich der Begriff „Veranstaltungsleitung“, die sonst üblichen Teilbereiche Zuchtschau und Turnierleitung fehlen. Von der Wortbedeutung her kann man davon ausgehen, dass die „Veranstaltungsleitung“ für den äußeren Rahmen der Veranstaltung, wie Bereitstellung der Ringplätze Zucht/Sport, das Catering, Park- und Lagerplätze, das allgemeine Ambiente, Züchterabend, Besorgung der Schleifen, Pokale etc. verantwortlich zeichnet, also für die Organisation.
Im Verantwortungsbereich der Schauleitung liegen der Ablauf und die Modalitäten der Zuchtschau. Die Turnierleitung trägt für den sportlichen Teil Verantwortung, d.h. für die Durchführung der gerittenen und gefahrenen Klassen.

Kompetenzüberschreitung?
Im Katalog zur Bundesschau 2005 sind u.a. aufgeführt:
Veranstaltungsleitung: Herr J. Clement, Herr H. Lackhove, Herr U. Rosenthal
Schauleitung: Herr U. Rosenthal, Turnierleitung: Frau A.Windaus.

Auf den Beschwerdebrief der Familie Benjamins-Jager in Sachen „Clippen“ auf der Bundesschau antwortet Herr Uwe Rosenthal u.a.:

„Vor jeder Bundesschau wird mit den Richtern und Ringstewards eine Vorbesprechung durchgeführt, so auch in diesem Jahr. Teilnehmer waren Mrs. Sells, Mr. Williams, Frau Severmann, Frau Schiffer, Herr Clement und meine Person. In dieser Vorbesprechung werden schaurelevante Einzelheiten durchgesprochen, u.a. Klasseneinteilung, Championate usw...“, Schreiben der IG Welsh v. 26.Sept.2005.

Im Klartext heißt das: Unmittelbar vor Durchführung der Zuchtschau hat eine Besprechung stattgefunden, an der u.a. neben dem Schauleiter Rosenthal (Verantwortlicher für die Zuchtschau) auch Herr Clement als Mitglied der Veranstaltungsleitung (Organisation) teilgenommen hat. Diese Tatsache deckt sich mit der Äußerung Frau Benjamins, die in ihrem Beschwerdebrief an die IG Welsh geäußert hatte:

„Wie Ihnen bekannt, sind meine A-Stuten auf der letzten Bundesschau der IG Welsh in Ostbevern von der walisischen Richterin Mrs Sells nicht bewertet worden. Mit der Begründung, sie sei von Jo (Herr Clement) dazu aufgefordert worden, Tiere ohne Tasthaare entweder nach hinten zu setzen oder nach draußen zu schicken.“

Das Mitglied der Veranstaltungsleitung (Organisation) Clement hat nach dieser Aussage mit Billigung des Schauleiters Rosenthal den Richtern Anweisung gegeben, wie sie sich in der konkreten Prüfsituation zu verhalten haben. Damit hat ein für die Organisation Verantwortlicher massiv in die Autonomie der Richter und in das Beurteilungsverfahren eingegriffen; nach meiner Auffassung eine Überschreitung seines eigentlichen Kompetenzbereichs.

Im Regelwerk der IG Welsh findet sich kein Hinweis auf ein „Weisungsrecht“ eines mit der Schauleitung oder der Organisation befassten Mitglieds der Veranstaltungsleitung gegenüber den amtierenden Zucht-Richtern.

Diese Einmischung deckt sich mit früheren Clement-Aktivitäten. Haben wir es doch der Initiative des Herrn Clement zu verdanken, dass die Bundesschau 2005 von den Mitgliedern unseres Richterkollegiums boykottiert worden ist und daher kein deutscher Richter auf dieser tätig gewesen ist; ein einmaliger Vorgang, den es in der Geschichte der IG noch nicht gegeben hat. Im Vorfeld dieser Bundesschau hatten auf einen Clement-Antrag hin Vorstand und Beirat die Personalvorschläge unseres Richtergremiums in Sachen Richterbestellung für die diesjährige Bundesschau gekippt. Zwei Richter sind wegen dieser Clement-Initiative aus der IG ausgeschieden (Hermann Arts, Rheurdt, und Dr. Erhard Coenen, Kalkar). Ein weiterer Richter (Friedrich Seiler) hat aus Protest gegen diese Brüskierung der Richterschaft das Richterkollegium verlassen.

Eine Fülle von Begegnungen
Getrost kann unterstellt werden, dass die Einladung an die Richter (Zucht/Sport) zur Teilnahme an der Bundesschau über die Geschäftsstelle der IG und die Anreise der englischen Richter zum Veranstaltungsgelände, wie auch ihre dortige Betreuung und ihre Hotel-Unterbringung und Versorgung maßgeblich von Herrn Clement organisiert und auch teilweise persönlich gehändelt worden ist. Das heißt, bereits vor dem unmittelbaren Beginn der Zuchtschau hat es eine Fülle von Begegnungen zwischen dem Veranstaltungsorganisator und den beiden amtierenden Richtern gegeben.

Nun wurde oben dargelegt, dass nach WSO die auf den Schauen tätigen Richter von allen Informationen hinsichtlich der Abstammung der ausgestellten Tiere und von sachfremden „Einflüssen“ fernzuhalten sind.

Die Aussteller erwarten, dass dieser Grundsatz in Anlehnung an die „Gleichbehandlung für alle“ strikt befolgt wird. Die Richter sollen sich bei ihrer Urteilsfindung unbeeinflusst allein an dem Rassestandard und der Qualität der ausgestellten Tiere orientieren.
Wie passt es dann zusammen, dass nur kurze Zeit nach dem Vorgespräch zwischen Schauleiter, dem Veranstaltungsorganisator und den Richtern Herr Clement sein eigenes Zuchtprodukt persönlich dem Richter zur Beurteilung vorstellt, dem er rd. 90 Minuten zuvor bindende Verhaltensmaßregeln für seine anschließende Prüftätigkeit mit auf den Weg gegeben hat?
 
Müssten nicht die hehren Grundsätze, die für die amtierenden Richter gelten, auch für die Mitglieder der Schau- und Veranstaltungsleitung Anwendung finden?

Auf Bundesschauen kein Ausstellungsrecht eigener Zuchtprodukte für Mitglieder der Schau- und Veranstaltungsleitung!

 
Anhang
Zur Information wird auf die „Schauregeln“ der European Arab Horse Commission verwiesen.

Richter und Schau-Organisator
2.a)
Richter dürfen den Schau-Katalog weder vor noch während einer Schau, an der
sie richten, einsehen, und die Ansage darf während des Richtens keine Hinweise auf die Abstammung, frühere Leistungen und die Identität der Pferde oder Besitzer
geben. Es ist jedoch erlaubt diese Informationen mitzuteilen, nachdem die Noten des Pferdes bekannt gegeben wurden.
b) Veranstalter dürfen vor dem Verkauf der Kataloge an der Schau keine Mitteilungen, die Aussteller oder ihre Pferde betreffen, der Presse aushändigen (...). Kataloge dürfen erst am Tage vor der Schau zum Verkauf freigegeben werden. (...)

4.
Kein Mitglied des Organisationskomitees darf gleichzeitig richten. Ebenso wenig darf ein amtierender Richter ein gemeldetes Pferd vorführen, reiten, fahren oder sonst in irgendeiner Weise handhaben und weder als Ringordner, technischer Delegierter, Ansager, Kommentator noch in einer anderen offiziellen Eigenschaft an einer Schau auftreten, an der er richtet. (...)

Richter und Aussteller
7.a)
Jeder Richter, der an einer ECAHO-anerkannten Schau richtet muss schriftlich bestätigen, dass er sich an die ECAHO-Schauregeln hält, insbesondere mit Hinblick auf die Paragrafen, die Richter, richten und Interessenkonflikte betreffen. Er verpflichtet sich ferner, ehrlich und mit Integrität zu richten und seine Richtertätigkeit nur in Hinblick auf die Ziele der ECAHO auszuüben.
b) Richter dürfen weder das Anwesen eines Ausstellers noch dessen Gastfreundschaft oder Geschenke unmittelbar vor oder während der betreffenden Schau annehmen, oder jegliche andere Art von Vorteilen annehmen, die die Integrität und Ehrlichkeit des Richters in Frage stellen könnte.
c) Es wird von jedem Richter erwartet, dass er sich innerhalb und außerhalb des Schaurings nach höchsten ethischen Grundsätzen verhält. Keine seiner Taten und insbesondere keine öffentliche Äußerung darf die Würde seines Amtes in Frage stellen. (...)

8.a)
Richter dürfen wissentlich kein Pferd richten, bei dem sie in einen tatsächlichen oder scheinbaren Interessenkonflikt geraten könnten. Im Falle eines solchen Interessenkonfliktes darf der Richter keine der Klassen derselben Kategorie richten (Junioren Hengste, Junioren Stuten, Senioren Hengste, Senioren Stuten).
b) Aussteller müssen einen tatsächlichen oder scheinbaren Interessenkonflikt mit einem der eingeladenen Richter auf dem Nennformular deklarieren.
c) Organisatoren dürfen keine Nennungen akzeptieren, die auf irgendeine Verbindung mit einem eingeladenen Richter hinweisen, wie sie unter Regel 9 aufgelistet sind...(...)

9.
Ein tatsächlicher oder scheinbarer Interessenkonflikt ist beim Richten desjenigen Pferdes gegeben, das
a) von einem Richter gekauft oder verkauft wurde, sei es als Eigentümer oder als Vermittler,
b) ganz oder teilweise im Besitz des Richters, eines nahen Familienmitglieds oder eines Geschäftspartners des Richters in einem Unternehmen für arabische Pferde ist,
c) vom Richter zu irgendeinem Zeitpunkt gepachtet worden ist,
d) vom Richter gezüchtet wurde oder einem Zuchtunternehmen gehört, in dem der Richter angestellt ist oder war,
e) vom Richter in seiner beruflichen Kapazität trainiert, untersucht oder regelmäßig behandelt wurde.

10. Im Schauring soll jegliche Kommunikation zwischen Richter und Aussteller über den Ringordner oder einen Steward geschehen. (...)

Quelle Blue Book 2005