Hans, das letzte Grubenpferd auf der Zeche Unna-Königsborn II/V, 1954

 
Foto: Edmund Ludwig

"Grubenpferde", Zeugen der Zeitgeschichte

- Teil 2 -

Text, Fotos und Repros von E. Holin

Gekürzte Fassung


Geschichtliche Hintergründe
Der Einsatz von Pferden im Untertage-Betrieb der Zechen und ihre Behandlung durch den Menschen muss sicherlich im politischen Kontext der damaligen Zeit gesehen werden. Im 19. Jahrhundert kam es durch die wachsende Bevölkerung und den dadurch immer größer werdenden Bedarf an Energie und Industrie-Produkten, durch den Einsatz von neuen Maschinen und die Entwicklungen neuer Produktionsmethoden zu erheblichen Veränderungen in der Textil-, Bergbau- und Metall-Industrie. Unter dem Druck expandierender Fabrikbetriebe wurden die Kleinbetriebe der früheren Jahre völlig bedeutungslos. In Mittelengland, in Lothringen, an der Saar und besonders im Ruhrgebiet entstanden große Industrie-Landschaften. Aus den handwerklichen Arbeitskräften wurde die neue Lohnarbeiterschicht, das Proletariat, das bei niedrigsten Löhnen und einer 12-14 Stunden-Schicht unter schlimmsten Produktions- und Lebensbedingungen dahin vegetierte. In Schlesien kam es wegen der zu geringen Löhne 1844 zum Weberaufstand. Wegen des nackten Überlebens ihrer Familien mussten sich Kinder und Frauen in den Industriebetrieben verdingen.

Ausbeutung und Willkür an der Tagesordnung

Bedingt durch das Freizügigkeitsgesetz von 1860 wird im Bergbau der freie Arbeitsvertrag eingeführt. 1865 folgt das Allgemeine Preußische Berggesetz. Dadurch erhielten die Eigentümer der Bergwerke die Möglichkeit, ihre eigenen Arbeitsordnungen zu erlassen. (1) "Für die Bergleute hatte die Veränderung der Berggesetzgebung schlimme Folgen: Sie gerieten in Abhängigkeit von den Unternehmern. Dazu kam noch die plötzliche Ausdehnung des Bergbaus, die damit im Zusammenhang stehende größere Gefährlichkeit desselben und die Heranziehung vieler fremder Arbeitskräfte." Aus den "ständisch geordneten" und geachteten Bergleuten, welche früher eine gesicherte Existenz und ein gutes Auskommen hatten, waren `freie Lohnarbeiter` geworden.(2)

Schlechte Arbeitsbedingungen Untertage

Auf engstem Raum mußten die Männer in seltsam verwinkelter Körperhaltung, bei schlechter Beleuchtung und oft hohen Lufttemperaturen arbeiten, wobei extrem staubige Luft oder feuchte Luft- und Bodenverhältnisse die Arbeit zusätzlich erschwerten. "In Wirklichkeit existierte überhaupt keine regelrechte Schichtbeschränkung, trotz anders lautender Arbeitsordnungen. Die Leute blieben bis zur völligen Erschöpfung am Werke und wankten dann nach Hause, wo sie sich auf dem unbeschreiblichen Bett, fast bewußtlos vor Müdigkeit, zur kurzen Ruhe hinstreckten, um bald wieder den ´Reichtum` der Nation vermehren zu helfen."(3)


Grubenpferd, aus dem Archiv des Kleinen Museums in Gelsenkirchen-Buer
Repro E. Holin
   
Zunächst kam es zu lokal begrenzten kleineren - wirkungslosen - Streiks. Wegen zu langer Arbeitsschichten wendeten sich 1867 Essener Bergleute schriftlich an den König von Preußen, und 1881 folgte von 3350 Bergleuten aus Essen eine Petition an den Reichskanzler Fürst Bismarck mit der Bitte um gesetzliche Regelung der Arbeitszeit, die nicht beantwortet wurde.(4) Zudem wurde neben der Stammbelegschaft eine große Zahl von Berg-Tagelöhnern eingestellt, denen jederzeit gekündigt werden konnte und die ihrerseits das Recht hatten, jederzeit ihr Arbeitsverhältnis aufzugeben. 1868 werden in Essen zwei Zechen bestreikt. Am 1.Mai 1889 legen "Die Schlepper und Pferdejungen der Zeche Ernestine in Essen ihre Arbeit nieder. Schnell breitet sich dieser Streik aus. Auf Anforderung der Unternehmer rückt am 5. Mai Militär ins Streikgebiet . Mitte Mai streiken über 90 000 der 110.000 Beschäftigten des Ruhrbergbaus. Auch im Saargebiet wird gestreikt."(5)
Menschen wurden oft überfordert
In den Jahren zwischen 1850 und 1910 war die Arbeitsplatzsituation der Bergleute Untertage gekennzeichnet durch

- starken Leistungsdruck - überlange Schichten - gefährliche Arbeitsabläufe - mangelhaften Unfallschutz - Willkür der Aufsicht Führenden - totale Abhängigkeit von den Bergwerksbesitzern - kleinste Löhne - minimalste Versorgungsansprüche bei Krankheit, Unfall und im Alter.

"1890 bis 1900 betrugen die Invalidenrenten 20 bis 25% des Nettolohnes und die Witwenrenten 10 bis 15% des Nettolohnes", und "1906 betrug beim Knappschaftsverband Bochum die durchschnittliche Invalidenpension pro Monat 27,11 Mark (das Monatseinkommen eines Hauers lag damals bei rund 130 Mark)".(6) Dazu kamen erbärmliche Wohnverhältnisse, große Kinderzahlen, schlechte Ernährung, oft weiter Anmarsch zum Arbeitsplatz, und bei politischer Betätigung Schikanen und Strafen, und oft zusätzlich der Verlust von Arbeit und Wohnung. Die Kündigung des Arbeitsplatzes bildete auch in der Rezession Ende der 20-er Jahre mit ihren Massenentlassungen für die Betroffenen und ihre Familien ein traumatisches Ereignis, da alternative Arbeitsplätze im Einzugsbereich der Zechen kaum zur Verfügung standen.

  • "30.September 1918. Wir müssen jetzt sehr viele Überstunden verfahren. Gestern blieb ich 16 Stunden unten. Ich werde das nicht wieder tun können, denn hinterher war ich vollkommen schlapp. Das muß wohl an der Grubenluft liegen. In Zukunft gehe ich wieder mit meinem Landsmann ins Schlafhaus. Dieses Schlafhaus dient allen Kameraden als Unterkunft, die so weit von der Zeche entfernt wohnen, daß sie auch mit dem Zuge den Weg von ihrem Wohnort zur Grube nicht täglich schaffen können. Die Räume erinnern sehr an eine Kaserne. In jedem Zimmer gibt es acht eiserne Doppelbetten., jeder Bewohner hat einen Spind und einen Schemel. In der Zimmermitte steht ein großer Tisch...Ich möchte hier nicht leben und verstehe nicht, wie meine Kameraden hier ihr Leben verbringen können..." (7)

Grubenpferd an Wassertrögen 1942, auf der Zeche Westerholt
Foto Roth-Brüser
 

Ausrüstung der Tiere

Die Pferde trugen in der Regel ein einfaches Schleppgeschirr und ein Halfter. Nach Roth-Brüser setzte sich das Pferdegeschirr aus dem Brustblatt, Nacken- und Rückenstück zusammen. Er unterscheidet zwischen Kopf-, Ohrenschutz und der Stirnkappe. Die letztere blieb auch im Stall angelegt. Der Ohrenschutz wurde benutzt, wenn die Tiere elektrische Drähte passieren mussten. Diese Schutzmittel waren aus hartem Gummi gefertigt. Auf einigen Zechen wurden den Pferden zum Schutz des Kopfes und besonders der Augen auch Lederkappen angelegt, wenn die Strecken niedrig waren. Nach Bischofswerder ist im Bereich des Mähnenansatzes ein Lederpolster zum Schutze von Stößen des Kopfes gegen das Deckgebirge am Kopfstück befestigt. Die Pferde trugen keine Gebisse, das Stallhalfter wurde auch während der Arbeit benutzt.(8)

   

Leistung der Tiere

Im Brockhaus von 1875 ist unter dem Stichwort "Grube" folgendes zu lesen: "Die Förderung erfolgt auf den kleineren Gruben nur durch Menschen (Förderleute, Schlepper), auf den größeren Gruben durch diese ...auf den Hauptstrecken mittels Pferden... Bei größeren Längen hat die Pferdeförderung große ökonomische Vorteile. Es werden 7 bis 9 Wagen aneinander gehängt (gekuppelt), wobei sich das Verhältnis der Leistung eines Schleppers zu der eines Pferdes durchschnittlich auf 1: 8,5 herausstellt. Bei Berücksichtigung der Unterhaltungskosten und Löhne ergibt sich ein noch günstigeres Verhältnis dahin, dass dieselbe Leistung durch Pferdeförderung c.15 mal billiger als durch Förderung mit Menschenkraft ist." "Auf kurzen Förderstrecken ist die Menschenförderung der Pferdeförderung vorzuziehen, indem das Umdrehen der Pferde in engen Räumen, die durch das Ausladen, das Ab- und Wiederan-hängen der Pferde verlorene Zeit den Nutzeffekt bedeutend vermindern." "Nach den Erfahrungen bei unterirdischer Förderung nimmt man an, dass die Leistung eines Pferdes etwa das 6 bis 8-fache der Leistung eines tüchtigen Schleppers beträgt." (9)

Die Pferdeförderung war der Schlepperförderung wirtschaftlich überlegen. Dabei hing die Leistung der Tiere von verschiedenen Faktoren ab, z.B.: Steigung der Strecke, Zustand und Beschaffenheit des Untergrundes, den klimatischen Verhältnisssen auf der Fahrstrecke, der technischen Ausstattung der Förderwagen usw. Es ist klar, dass ein Pferd, dessen Wagen mit Wälz- oder Gleitlager ausgerüstet waren, pro Fahrt eine höhere Nutzlast bewegen konnte, als mit Wagen, die über diese technische Ausrüstung nicht verfügten. So schwanken auch in der Literatur die Angaben über die Durchschnittsleistung der Tiere zwischen ca. 16 und 50 Tonnen pro Kilometer und bei günstigen Bedingungen bis zu 75 und mehr Tonnenkilometer für die tägliche 8-Stundenschicht. Dabei hatten die Tiere ja nicht nur abgebaute Kohle, sondern auch Bergeversatz und Bau-Materialien, wie Sand- und Betonformsteine zu transportieren. Ein Pferd zog durchschnittlich 8 Förderwagen mit einem Leergewicht von 2400 kg und einem Vollgewicht von 6800 kg. Auf besonders guter Fahrt stieg die Wagenzahl bis auf 14.(10) Für Schlepper wurden Leistungen von 2-4 bzw. 3-7 tkm/Schicht errechnet. Unter günstigen Verhältnissen konnten 10 tkm/Schicht erzielt werden.(11)

Da die Pferdeführer stets vor oder neben dem Pferd gehen sollten, um ihm die Bahn zu beleuchten und um es an gefährlichen Stellen am Halfter zu führen, mussten die Pferdetreiber oft beträchtliche Strecken pro Schicht zu Fuß zurücklegen. Um sie nicht während der gesamten Schichtzeit laufen zu lassen, durften sie unter bestimmten Voraussetzungen im vordersten Wagen des leeren Zuges fahren.(12)

 Die heilige Barbara, Schutzpatronin der Bergleute,
Bergwerk "Fröhliche Morgensonne" in Unna-Stockum

Foto E.Holin
 
 Krankheiten der Grubenpferde
Von einer artgerechten Unterbringung der im untertätigen Betrieb eines Bergwerks eingesetzten Pferde kann natürlich keine Rede sein. Häufige Überbeanspruchung durch den Einsatz in zwei Schichten und mehr hintereinander, der Wechsel von warme in kalte Wetterströme mit verschwitztem Fell, latent vorhandene Staubbelastung zumindest in einigen Nebenstrecken, die Arbeit und Haltung in meistens dämmerigem Licht, hatte sicher ihre Auswirkungen auf das Immunsystem der Tiere.(13)

Die schlimmste Krankheit war der Rotz
So bildeten denn auch die bis heute gefürchteten oft epidemiehaft auftretenden Druse- und Rotzkrankeiten für die großen Pferdebestände der früheren Jahre eine Katastrophe. Der einzige Ausweg, um auch die Pferde der benachbarten Zechen und die der ganzen umliegenden Gegend zu schützen, bestand dann in der "Tödtung der rotzigen und Tödtung der entschieden rotzverdächtigten Pferde." Von 1861-1864 waren durch diese Krankheit "auf der Grube Dudweiler 76 Pferde gefallen", und von 1974-1975 waren auf den Gruben Dudweiler, Ensdorf und Gerhard 28 und auf der Grube Friedrichsthal 47 rotzige Pferde vorgekommen. Von 1852 bis 1873 inklusive werden für den gesamten Bereich von Saarbrücken bis einschließlich der Kreise Trier, Wittlich, Bernkastell usw. über 434 rotzige und mehr als 253 rotzverdächtige Pferde angegeben. Die Anzahl der tatsächlich erkrankten Pferde dürfte jedoch ungleich höher gewesen sein, weil "Ein Theil der rotzigen Grubenpferde, und wahrscheinlich der grösste Theil verkauft worden ist, theils in dem guten Glauben, dass sie nur an Druse litten und sich außerhalb der Gruben wieder erholen würden, theils aber auch wider besseres Wissen."(14)

Wurden alle Grubenpferde blind?
Augenverletzungen und Erkrankungen
Im Saarbrücker Bergmannskalender von 1988 wird in großer Aufmachung festgestellt: "Grubenpferde starben nicht blind, eine Doktorarbeit räumt mit einer Legende auf." Leider ohne nähere Angaben wird auf die Dissertation einer jungen Tierärztin aus Nancy, Pascale Lahner, verwiesen, die feststellt: "Es ist wirklich nur eine Legende... Während meiner ganzen Recherchen bin ich nicht ein einziges Mal auf die Spur eines erblindeten Tieres gestoßen. Sicherlich hatte das Pferd nach jahrelangem Aufenthalt im Halbdunkel keine außerordentliche scharfe Sehkraft mehr, aber ohne deshalb erblindet zu sein."(15)

Bischofswerder erklärt die verbreitete Ansicht - dass "sämtliche Pferde in den Gruben mit der Zeit erblinden" - da mit, "daß tatsächlich ein Drittel aller Pferde, wenn sie herauskommen, das ein oder andere oder gar beide Augen verloren haben." Die Verursachungen für diese schweren Verletzungen sieht er in den niedrigen Firsthöhen, in den vielen Wasser-, Luft- und elektrischen Leitungen, die mit Draht am Gebirge angebunden sind und bei nachlässiger Anbringung in die Strecken hinein ragen und zu Verletzungen der Augen führen.(16)

Roth-Brüser machte bei 155 Pferden die Sehprobe. Bei 8 Pferden ergab sich ein negativer Befund. Es handelte sich um Sehunfähigkeit, die durch traumatische Einflüsse verursacht war. "Die Gefahr, daß sich ein Pferd in der Grube ein Auge ausstößt, ist je nach der Unachtsamkeit der Pferdeführer verschieden groß." Bei der Untersuchung mit dem Augenspiegel fand er bei einer Anzahl Pferden verschieden geformte Linsentrübungen, über die auch Bischofswerder berichtet. Er fand weiter Hornhaut- und Bindegewebsentzündungen und Tränenfluß, die er auf den Wetterstrom und äußere Reize (Kohlenstaub) zurückführte.

Weiter beschreibt er neben den Folgen von Ballen- und Nageltritten, das Auftreten von Hitzschlägen und das häufige Vorkommen von erheblichen Schürf- und Quetschwunden am Schopf und an den Hüfthöckern, das Auftreten von Hufkrebs und Warzenmauke. "Die Warzenmauke sowohl wie der Hufkrebs sind bei manchen Gruben stationäre Krankheiten geworden". Dies führt er auf die Reizung der Hufe und der Köten durch das in manchen Strecken vorhandene Salzwasser und den dadurch aufgeweichten Boden zurück. Ferner berichtet er über Hautausschlag (von ihm gern "Grubenausschlag" genannt), außerdem über die ganz allmählich auftretende "Dämpfigkeit."(17) Ferner werden schwere dyspnoetische Zustände mit Todesfolge, Kolikerkrankungen, und Todesfälle durch Tetanus-Bazillen beschrieben.(18)

In der Literatur wird 1967 die Staubbelastung von Grubenpferden diskutiert. Im Silikose-Forschungsinstitut in Bochum wurden drei Grubenpferde untersucht. Die Mediziner kamen zu den Ergebnissen: ..."Die Pferde zeigten keine Veränderungen im Sinne einer Stauberkrankung ...Der Quarzgrenzwert für die Entstehung einer Silikose von 150 mg wurde nicht erreicht ... Insgesamt haben sich die Pferde in hohem Maße als grubentauglich erwiesen... Obwohl nur 3 Lungen von Grubenpferden untersucht wurden, besteht offenbar sogar hinsichtlich des Risikos der Entwicklung einer Staublungenerkrankung eine günstigere Situation als beim Menschen."(19) Es ist klar, dass sich die letzteren Feststellungen nur auf die drei untersuchten Grubenpferde beziehen können.

Tobias, letztes Grubenpferd
1966 auf General Blumenthal
in Recklinghausen

Foto: Hermann Pölking
aus d. Archiv der J. Bauer KG, Marl
   
 Tierschutz in Bergwerken Untertage
Verhältnis Mensch - Tier
Pferde am untersten Ende der Unterdrückungspyramide
Von den Anfängen der Pferdeförderung bis in die 20-er Jahre des 20. Jahrhunderts standen die Grubenpferde sicherlich am untersten Ende der Mangel- und Unterdrückungspyramide. Einerseits bestand großes Interesse an der Gesundheit und der Leistungsfähigkeit der Tiere, andererseits wurden sie unter dem Druck nach höheren Förderquoten an ihre Leistungsgrenzen herangeführt und oft überfordert. In den frühen Jahren der Pferdeförderung bildeten sie auch Aggressionsobjekte individueller oder kollektiver Frustrationen.
  • "Den Jupp Steinbrink, den kannte ich aus der Waschkaue. Der war berüchtigt, weil er sein Pferd mit der Wetterlampe vor den Kopf schlug, wenn es nicht parierte..."Du kannst dich freuen, dein Pferd heißt Ballone und ist ein ganz frecher Wichser." Nun, das war keine Seltenheit, die wenigen Pferde, die noch im Grubenbetrieb Verwendung fanden, die das Tageslicht lebend niemals wiedersahen, waren durchschnittlich schlechtestes Material und obendrein durch rohe Behandlung total verdorben."

  • "Die Arbeit war schwer und nicht ohne Tücken. Allein über die Zusammenarbeit mit der unberechenbaren lebendigen Kreatur ließe sich viel erzählen. Heinrich Kämpen, der Bergarbeiterdichter,...hat sein bestes Gedicht "Das Grubenpferd" genannt. Aber er war ein großer Idealist; durchaus nicht alle Grubenpferde waren so edel, wie er sie schilderte."(20)
 

Inschrift auf dem Denkmal zur Erinnerung an die Grubenpferde vor dem Deutschen Bergbau-Museum in Bochum
Foto: E. Holin
 

Der Tierarzt C. Boissier beschreibt anschaulich das Verhältnis Mensch - Tier in den lothringischen Bergwerksbetrieben Ende des 19. Jahrhunderts. Seine Erklärungen und Empfehlungen kollidierten sicher mit der überwiegenden Einstellung eines großen Teils der damaligen Untertage Beschäftigten:

  • "Nach dem Verlassen des Stalles stehen die Pferde den verschiedenen Abteilungssteigern zur Verfügung, die aus ihnen die größtmöglichste Arbeitsleistung herauszuschlagen suchen, ohne sich darum zu kümmern, ob das Thier imstande ist, ihren Anforderungen zu genügen oder nicht. Man kann ohne Übertreibung behaupten, dass die Pferde von den Grubenbeamten gewöhnlich als Maschine betrachtet und demgemäß behandelt werden. Aber das Pferd ist keine Maschine im gewöhnlichen Sinne des Wortes...Die Steiger haben stets und überall das gleiche Bestreben, zu viel Arbeit und zu große Schnelligkeit zu ver-langen, ohne zu bedenken, daß das beste Mittel, die Förderkosten zu vermindern, darin besteht, die Förderwege in gutem Zustande zu erhalten und die Wagen sorgsam zu schmieren..."(21)
Natürlich war das Verhältnis zwischen Pferdejunge oder "Pferdetreiber" und Pferd auch positiv besetzt. Gemeinsam wurde die beschwerliche Arbeit verrichtet:
  • "Zu Beginn meiner Tätigkeit hatte man mir mal dieses, mal jenes Pferd zugeteilt, dann aber erhielt ich einen braunen Wallach als ständigen Begleiter. Hektor. Mochte das Tier auch von anderen Jungen trotz des Verbotes bisweilen die Drahtpeitsche zu spüren bekommen haben, so war das bei mir nun endgültig vorbei. Die Schläge mit einer flachen Latte, die es aus besonderen Anlässen gelegentlich hinnehmen mußte, klatschten nur laut, schmerzten aber nicht. Weit häufiger als sonst durfte es mit seinen weichen Lefzen aus meinen Händen ein Stück Zucker naschen - wäre kein Krieg gewesen, hätte es täglich sein können - oder ein aus dem Futter des Stalls herausgeklaubtes, leider auch immer seltener werdendes Klümpchen Melasse...Schicht für Schicht, wochenlang und in friedvoller Eintracht, versahen Hektor und ich als treue Kameraden unsere Pflicht...Mir ging das traurige Ende meines getreuen Kumpels (nach einem Betriebsunfall) sehr nahe."(22)

  • "Wenn ich die Pferde sehe mit ihrem stumpfen traurigen Ausdruck in den Augen, die Tag und Nacht unten in der Grube bleiben müssen, wenn ich an die widerliche Ausdünstung dieser geplagten Geschöpfe denke - ich mag sonst Pferde und ihren Geruch gern - dann kann ich mich trüber Gedanken nicht erwehren. Wir alle leben wie Pflanzen im Schat- ten..."(23)

Nurmi 1953, aus dem Archiv des Industrie-Museums Zollern II/IV in Dortmund

Bergpolizeiliche und Unfallverhütungsvorschriften für Untertage
Aus Gründen der Unfallverhütung für Menschen und Tiere unterlag die Pferdeförderung bergpolizeilichen Vorschriften.

Der §42:

  1. "Bei Pferdeförderung darf nur im Schritt gefahren werden und die Wagenzüge dürfen sich nur in Abständen von mindestens 10 m folgen. Der Pferdeführer muß mit brennender Lampe neben oder vor seinem Pferde gehen, sofern nicht seine Anwesenheit an den Förderwagen notwendig ist.

  2. Ist der erste Wagen eines Zuges leer, so darf ihn der Pferdeführer unter der Bedingung zum Fahren benutzen, daß er das Pferd am Zügel leitet und daß sein Licht entgegen kommenden Personen sichtbar bleibt. Unter den gleichen Bedingungen kann die Benutzung eines beladenen Wagens zum Fahren, sei es mit oder ohne besondere Sitzvorrichtung, von dem Betriebsführer gestattet werden, sofern die Pferdestrecke überall eine solche Höhe besitzt, daß der Pferdeführer, auch wenn er aufrecht sitzt, durch den Streckenausbau oder durch Verengungen des Streckenquerschnitts nicht gefährdet ist.

  3. An dem letzten Wagen eines Pferdezuges muß eine hell leuchtende Lampe mit rotem Glaszylinder angebracht sein.

  4. Das Pferd darf erst nach Kuppelung sämtlicher Wagen vor den Zug gespannt und muß vor Abkuppelung der Wagen abgespannt werden.

  5. Der Schwengel zur Befestigung der Zugstränge ist so anzubringen, daß er während der Fahrt nicht auf der Streckensohle schleifen kann.

  6. Das Ankuppeln von losgelösten sowie das Einheben von entgleisten Förderwagen darf erst erfolgen, nachdem das Pferd abgesträngt ist.

Der §43:
Das Mißhandeln und Necken der Grubenpferde ist verboten."(24)

Zehn Gebote zur Unfallverhütung für Pferdeführer
  1. Du sollst dein Pferd nicht mißhandeln!
    Weil du roh und gemein handelst und dein Pferd dir die schlechte Behandlung gelegentlich heimzahlt.

  2. Du sollst deinem Pferd während der Schicht öfter zu trinken geben!
    Weil es sich ebenso nach der Tränke sehnt wie du nach der Kaffeflasche, und weil ein durstiges Pferd leicht unwillig wird.

  3. Du sollst die rote Zuglampe nicht vergessen!
    Weil nur dann der nachfolgende Zug rechtzeitig halten kann.

  4. Du sollst zuerst deinen Zug anknebeln und dann das Pferd vorspannen!
    Weil du andernfalls später verkrüppelte Hände haben wirst.

  5. Du sollst erst dein Pferd absträngen und dann den entgleisten Zug aufsetzen!
    Weil das Pferd vielleicht unerwartet anzieht und du alsdann beim Eingleisen verletzt wirst.

  6. Du sollst deinen Zug nur mit einer ordentlichen Remme bremsen und zum Stehen bringen!
    Weil du andernfalls zehn Finger gehabt hast.

  7. Du sollst vor oder neben deinem Pferde und nicht neben dem Zuge gehen!
    Weil dir sonst durch umstürzende Wagen Fuß und Bein zerschlagen werden können.

  8. Du sollst im Schritt fahren und nicht jagen, auch nicht bei Schichtende!
    Weil du sonst unter Umständen deine letzte Schicht verfährst.

  9. Du sollst niemals verbotswidrig auf deinem Zuge fahren!
    Weil du dadurch Kopf und Bein, vielleicht gar dein Leben in Gefahr bringst.

  10. Du sollst nicht dulden, daß andere deinen Zug zum Mitfahren benutzen!
    Weil du für Leben und Gesundheit der Mitfahrenden haftbar bist.(25)

Filzstift-Zeichnung auf Mansfelder Kupferschiefer v. Horst Höfer, Unna-Stockum,
Foto E.Holin
   
Je weniger Pferde, desto besser ihre Haltung
Die Textbeispiele machen deutlich, dass sich spätestens seit dem Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert im Verhältnis des Menschen zum Pferd ein Wandlungsprozess in Gang gesetzt hatte. Das Pferd wurde nicht mehr nur als nützliches und notwendiges Teil des Produktionsprozesses begriffen. Zunehmend wurde es als "Kumpel", als von den harten Arbeitsbedingun-gen in gleicher Weise betroffener Weggefährte empfunden. Je mehr die Pferdeförderung zurück ging, desto stärker verbesserten sich die Haltungs- und Arbeitsbedingungen der Pferde und desto nachhaltiger griffen auch Arbeits- und Tierschutzbestimmungen für die Tiere Untertage. An diesen langwierigen und allmählich fortschreitenden Einstellungs- und Änderungssprozessen waren Tierärzte maßgeblich beteiligt.

Gleichwohl berichtet noch 1994 ein ehemaliger Bergmann in der "Zurück-Erinnerung" von seinen Erfahrungen und Erlebnissen auf der Zeche Hellweg/Unna mit Pferdeförderung aus dem Jahre 1947 wie folgt:

  • "Max (eins von sechs im Untertage-Betrieb beschäftigten Grubenpferden) wußte auf der Morgenschicht immer, wann 12.00 Uhr war. Dann wollte er nicht mehr. Nach der Mittagspause mußten die Pferde auf der Mittagsschicht arbeiten. Meistens wurden sie auch noch auf der Nachtschicht eingesetzt." Nach seiner Ansicht war es häufig Tierquälerei. "Hätte es die Bergbehörde...nicht gegeben, dann wäre es um den Tierschutz schlecht bestellt gewesen. Die Betriebsführung verlangte äußersten Einsatz von Mensch und Tier. Sie fragte nie danach, wie lange ein Pferd nun schon die Wagen gezogen hatte...Unter Tage sah niemand, wenn ein Pferd dreischichtig eingesetzt wurde."(26)

Unter dem Aspekt "Tierschutz" hat für die Aufsichtsbehörden im Umgang mit den Grubenpferden bis in die letzten Jahre Handlungsbedarf bestanden. Dennoch sollte man nicht mit der Sensibilität, dem Problembewußtsein und den Maßstäben von heute die Pferdehaltung und den Einsatz der Tiere in den untertägigen Arbeitsabläufen und Produktionsprozessen moralisierend und abfällig beurteilen. Die Arbeits- und Lebenssituation von Menschen und Tieren in den Jahren der aufkommenden Industriealisierung ist in gleicher Weise zu beklagen und für uns kaum nachvollziehbar.

 
"pit pony", aus dem Archiv des walisischen National Museums in Cardiff
Repro E.Holin
Englands "pit ponies"
Durch die Mines Act, 1842, war der Einsatz von Frauen und Kindern Untertage verboten und die tägliche Arbeitszeit für Jungen reduziert worden. Als Ersatz für diese menschlichen Arbeitskräfte wurden daher verstärkt kleinere Pony-Rassen beim untertägigen Kohle- und Lasten-Transport eingesetzt, in der Hauptsache Shettys, Welsh-Mountains, New Forests, Fell-Ponys, Dartmoors usw. Zur damaligen Zeit bescherte die Verwendung der Ponys im Bergbau den Pony-Züchtern einen guten Absatz (speziell Shettys). So wird darüber berichtet, dass sich im Einzugsbereich südwalisischer Bergwerke größere Gestüte entwickelt haben.(27)

Einen guten Einblick über die Haltung und den Einsatz von Grubenpferden um 1920 in Shropshire gibt eine Veröffentlichung aus dem Jahre 1990. U.a. beschreiben die Autoren die „penible“ bergbehördliche Aufsicht über die Pferde, die es in dieser Form im deutschen Steinkohlebergbau nicht gegeben hat. Sie beschreiben auch ein „besonders ernsthaftes Problem und trauriges Kapitel zugleich“, das aus dem geringen Durchmesser der Schächte und den schmalen Förderkörben resultierte. Die Pferde wurden in großen Netzen unter die Körbe gehängt und dann nach Untertage befördert. Durch den Einsatz von mehretagigen engen Förderkörben war später auf diese Weise die Rückholung der Tiere ans Tageslicht nicht mehr möglich. „Für diese Fälle verwahrte man im Zechenbüro eine Maske vom Kopf eines Pferdes, die diesem dann später aufgesetzt wurde, und durch eine Öffnung in der Maske schlug man ein Stemmeisen in die Schläfe des Tieres, so dass es auf der Stelle getötet wurde.“(28)

Die Anzahl
der in englischen Gruben beschäftigten Pferde und Ponys lag höher als in Deutschland:
70 000 (1914), 64 000 (1917), 56 000 (1927), 32 000 (1937), 21 000 (1947), 11 000 (1957),
1 500 (1960), 490 (1973), 100 (ca. 1980) und 55 (1984).(29)

Der National Coal Board übernahm bei seiner Gründung im Jahre 1947 21.000 Ponys. Die Anzahl der in den walisischen und englischen Gruben eingesetzten Ponys lag tatsächlich jedoch ungleich höher, da der Pony-Bestand in den oft einsam und versteckt liegenden Privat-Gruben kaum erfasst werden konnte. "The small, private drift mine (abgelegene) of Pantygassed in South Wales, where the ponies are still used, is hard to find. It is hidden in a remote valley, in a once beautiful deep gorge (tiefen Tal)." Auch mit der Haltung und Unterbringung dieser Ponys, sowie mit der "peniblen" Aufsicht in abgeschiedenen "private mines" wird es nicht zum Besten bestellt gewesen sein. "...The vet comes when we want him and does a full inspection and inoculation (Impfung) every 12 month. That`s the law."(30)

Am 24. Februar 1994 verließen die vier letzten Ponys den Untertagebereich des Bergwerks Ellington bei Morpeth, Northumberland: Alan, ein dunkelbraunes Dartmoor-Pony (127 cm), Tom, ein schwarzer Fell-Cob (137 cm) und die beiden Welsh-Mountain-Schimmel Flax (124 cm, 14 Jahre) und Carl (124 cm).(31) Sie waren zuletzt beim Ausrauben der still gelegten Strecken unterhalb der Nordsee eingesetzt worden. 1993 hatten bereits 15 ihrer vierbeinigen Arbeitskameraden diese Zeche verlassen. Bis ins Jahr 2000 sind immer noch vereinzelt Grubenponys aus Privat-Minen entlassen worden.(32) Das Erholungszentrum für Pferde und Ponys in Pontypridd beherbergt zur Zeit 10 ehemalige Grubenponys.

Bergmännische Schnitzarbeit,
Kleines Museum
in Gelsenkirchen-Buer

Foto E. Holin
   
Hinweise  
  • Eine beeindruckende Darstellung der letzten kleinen Privatgruben in Süd-Wales findet sich in dem Buch von Booth, Adrian-J., Small Mines of South Wales, Hrsg. Industrial Railwaw Society, Bridlington, 1995, 96 Seiten.

  • Das Besucherbergwerk "Big Pit" (1780-1980) in Blaenafon, Süd-Wales, vermittelt einen guten Einblick in den englischen Kohle- und Eisenbergbau der letzten 200 Jahre.

  • Dasselbe gilt für das National Coal Mining Museum in Wakefield, West Yorkshire und das Mining Durham Museum

Bergmann, 17. Jahrhundert,
Schneidearbeit aus Stahl
v. Horst Höfer

Foto Holin
Alex, letztes Grubenpferd auf Hugo,
Gelsenkirchen-Buer

Foto E. Holin
Post an den Autor
Grubenpferde Teil 1 Literaturangabe
siehe auch Ausstellung Grubenpferde im Ruhrbergbau