Das Dilemma der IG Welsh mit den Welsh-Partbreds

In der unten genannten Ausgabe von Welsh aktuell stellt Claudia Hoffahrt, derzeitige Beauftragte der IG Welsh für den Bereich "Zucht" einige Fragen, die schon früher im Schrifttum der IG angesprochen worden sind.

  • "Seit Jahren kursieren immer wieder die Gerüchte um die ausgegrenzten Welsh-Partbreds, die das fünfte Rad am Wagen seien, sich unverstanden fühlen, von der IG Welsh nicht genug angeboten bekämen usw.- stimmt das überhaupt? Woran liegt es denn, dass immer weniger Partbreds auf unseren Welsh-Schauen ausgestellt werden?"

Natürlich fühlen sich die Welsh-Partbreds nicht ausgegrenzt und unverstanden, wie Frau Hoffahrt formuliert, sie kann da nur die Partbred-Züchter meinen. Gleichwohl möchte ich ihr einige Informationen zu ihrem kurzen Problem-Anriss geben, die ihr trotz ihres Quellenstudiums offensichtlich nicht bekannt sind. eho

Replik auf Claudia Hoffahrt:
Welsh-Partbred contra Deutsches Reitpony?

In: Welsh aktuell, Ausg. März 2004, 9.Jhg., S.17-18
von Eberhard Holin

Zunächst eine Richtigstellung und einige Hintergrundinformationen zu der von ihr angeführten und gelesenen Literatur: Scharf Eckhard, Welsh-Partbred-Zucht wohin? in: Welsh-Jhb.1989, S.52-54. Aus dieser Quelle zitiert sie gleich im ersten Absatz über fünf Zeilen:

  • "Aus welchen Gründen haben sich wohl renommierte Züchter von Welsh-Partbreds von der Beteiligung an Zuchtschauen zurückgezogen? Weil ihnen der Turniererfolg ihrer Tiere wichtiger ist als die Platzierung auf einer Zuchtschau."

Mit diesem Zitat und der Quellenangabe versucht sie den Eindruck zu erwecken, dass ihr das ältere IG-Schrifttum geläufig ist, und dass sie seriös mit diesen Quellen umgeht. Durch ihre obige Quellenangabe weist sie ganz klar Eckhard Scharf die alleinige Autoren- und Urheberschaft für diesen Artikel und die dort getroffenen Feststellungen zu. Warum tut sie das, obwohl sie bei der Niederschrift ihres kleinen Beitrags die Quelle nachgelesen hat und spätestens da auf meinen Namen gestoßen ist? Nennt man eine solche Arbeitsweise "seriös"?

Zur Geschichte dieses Artikels
Einige Bemerkungen: Der Abdruck dieses Beitrags im Welsh-Jahrbuch hat ziemliche Schwierigkeiten gemacht. Damals war man (noch) in der IG und ebenfalls bei der WPCS der Auffassung, dass auch die Welsh-Partbreds unbedingt über den Welsh-Look verfügen müssten, um auf einer Zuchtschau(!) vorn stehen zu können.

Ein Text-Beispiel:

  • "Absichtlich komme ich erst zum Schluss zum Welsh-Kopf. Der kleine trockene Kopf mit großen, hervorstehenden Augen und kleinen Ohren gehören zum Welsh. Bei der Arbeit mit den Ponys spielt nur der "Inhalt" des Kopfes eine Rolle und beim Fahren können die kleinen Ohren sogar hinderlich sein. Wenn aber der Welsh-Ausdruck am Kopf ganz fehlt, fehlen wahrscheinlich auch andere wertvolle Eigenschaften bei dieser durchgezüchteten Rasse,"(So?, Zus. v. Verfasser), Redwitz,v., Marie, Welshtyp in der Partbredzucht, in: Welsh-Jhb.1989, S.51.

Zur damaligen Zeit kollidierten die von E. Scharf und mir vorgetragenen Ansätze zur Partbred-Zucht mit den früher herrschenden Auffassungen. Bis heute wird in der Typ-Beschreibung für Welsh-Partbreds immer noch abgedruckt: "Kopf: klein, ausdrucksvoll, edel, trocken, welshponytypisch, große Ganaschenfreiheit", s. Welsh-Jhb.2004, S.44. Hat sich jetzt dieser Anspruch für Welsh-Partbreds bei nur noch 12,5% Welsh-Blutanteil nun erledigt?

Vor diesem Hintergrund ist die Aufregung wegen dieses Beitrags bei einem Teil des damaligen IG-Managements zu verstehen. Damals war Dieter Bonin verantwortlicher Redakteur des Jahrbuchs. Bei dem letztendlich im Jahrbuch veröffentlichten Text handelt es sich um die dritte Fassung, und auch diese konnte nur mit erheblichem Aufwand durchgesetzt werden. Dieter Bonin hatte damals u.a. den Vorstand angeschrieben und um Entscheidungshilfe gebeten. Mit Datum v. 08.01.1989 richtete er ein 7-seitiges Schreiben an mich (mit Kopien an Vorstand und Redaktionsteam). Im Gegenzug habe ich mit Schreiben v. 19.02.1989 an unseren damaligen Vors. Prof. Dr. Bauer auf der ungekürzten und unveränderten Drucklegung bestanden:

  • "1. Wir beharren auf der ungekürzten und unveränderten Drucklegung der beiliegenden Fassung v.19.02.1989...
    3. Sollte die "Anweisung" an Herrn Weilburg auf Kürzung bestehen bleiben, ziehen wir Autoren die Genehmigung für die Veröffentlichung des Artikel im Welsh-Jhb. 1989 zurück. Den Artikel vergeben wir dann anderweitig.
    4.-7...."

Die Diskrepanz dieser unterschiedlichen Auffassungen wurde z.B. an der Entscheidung von Miss R.Philipson-Stow, GB, auf der Bundesschau in Bad Harzburg 1988 deutlich. Bei den 3-jährigen und älteren Partbred-Hengsten vergab sie an Giglbergs Cappuccino v. Downland Chorister einen 2a Preis. Gleichwohl zierte der Hengst als Prototyp des leistungsstarken und im Sport erfolgreichen Welsh-Partbreds das Titelbild des Welsh-Jhb.1990.

So schreibt Bernhard Tschoepke:

  • "...Der vorgenommene Wachwechsel - der neue Präsident ist Dieter Bonin, der schon lange Jahre im Beirat der IG-Welsh mitarbeitet - wird natürlich ein bemerkenswerter Einschnitt sein. Rein geographisch verlagert sich der Schwerpunkt der IG von Süd nach Nord. Während Prof. Dr. Bauer dem klassischen Sport verhaftet war - seine Tochter Agnes reitet auf Großpferden in S-Prüfungen - kommt der neue Präsident aus dem Lager der Freizeitreiter. Nachdem der Aufbau der IG Welsh abgeschlossen ist, wird es seine Aufgabe sein, auf dem vorhandenen Fundament weiterzubauen und die IG tatsächlich für Welshfreunde, die aber nicht Züchter sind, zu öffnen... und wir sind alle gespannt, ob es ihm gelingen wird, seine Pläne zu verwirklichen...,"s. Welsh intern, Ausg.95/2, S.3. Das wenig rühmliche Ende der "Ära" Bonin will ich hier nicht wiedergeben.

Dieser von Bernhard Tschoepke visionär aufgewiesene Weg ist dann mit allen Konsequenzen von der IG zielstrebig beschritten worden:

  • Die IG Welsh wurde zu einer Interessengemeinschaft für Jugendliche und Erwachsene, die an dem herkömmlichen Turniersport kein Interesse haben. Wie hieß es recht drastisch in dem folgenschweren Cavallo-Artikel:
    • "Diese Leute haben die Nase gestrichen voll davon, sich wochenlang für einen Auftritt im Dressur-Viereck zu quälen...Die Welsh-Gemeinde hat längst langweilige Standard-Bahnen und Einheitsparcours verlassen - sie trampelt(!) sich neue Pfade und veranstaltet ihre eigenen Turniere...", s. Cavallo, Ausg. 3/1999, S.115-119.
  • In dieser Aufbruchstimmung für die Freizeitreiterei sind leider die Welsh-Partbreds als wichtiges Marktsegment vernachlässigt worden.
Neue Zielsetzung
Es ist eine Tatsache, dass unter Dieter Bonin und Teilen des alten Vorstands - die auch jetzt an der Spitze der IG versammelt sind - eine deutliche Akzentverschiebung in der Verbandspolitik der IG stattgefunden hat.
  • Sie hieß/heißt:
    Weg von der gleichrangigen Behandlung aller Sektionen und der Partbreds und hin zu den Welsh-Cobs, man könnte auch sagen, weg vom herkömmlichen Turniersport, hin zur Freizeit-Fahrer und Freizeit-Reiterei.

Als deutliches Zeichen dieser Positions-Veränderung sei an das jahrelange Engagement der IG für die ZPW (Zuchtprüfung Welsh) erinnert. Diese Zuchtprüfung soll sich gerade nicht an den Bedürfnissen der Reitpony-Zucht orientieren, sondern ausdrücklich "...den Freizeitreitern und ihren Pferden die Möglichkeit geben, eine Leistungsprüfung abzulegen...Die in der IG Welsh bereits seit Jahren durchgeführten Freizeitreitervielseitigkeiten lieferten die Grundlagen für die Zuchtprüfung...", s. Tschoepke, Christian, Pilotprüfung Welsh, in: Welsh-Jhb.1997, S.90ff.

Als ehemaliges langjähriges Mitglied des Beirats stelle ich ohne Übertreibung aus eigenem Erleben fest, dass in den Jahren von 1994-1999 nahezu alle konzeptionellen Ressourcen und Anstrengungen der IG in die Gestaltung dieser Prüfung geflossen sind. Sie bildete den inhaltlichen und zeitlich dominierenden Tagesordnungspunkt vieler IG-Sitzungen, um die eigenen und die Bedürfnisse der "neuen" Klientel zu bedienen.

Und was ist aus diesen Aktivitäten geworden? Die Prüfung wurde von den IG-Mitgliedern und übrigen Welsh-Besitzern nicht angenommen. Jetzt soll sie mit Hilfe der FN dem tatsächlichen Markt entsprechend passend gestrickt werden.

Wie kann es sein, dass Susanne Fritzsche, meine Nachfolgerin im Amt der Pressebeauftragten noch Anfang 1996 den Hinweis geben muss:

  • "Darüber hinaus ist leider viel zu wenig bekannt, dass das "deutsche Reitpony"(DR) ohne Welsh-Blut nie den heutigen Qualitätsstandard erreicht hätte und, dass gerade die in den Bundeschampionaten brillierenden "Aushängeschilder" (Angehörige) der Rasse Welsh-Partbreds sind, s.Welsh aktuell, Ausg.2/96, v. 15.April, S.10.

Flurbereinigung
Flankierend zu der "neuen" Zielsetzung wurde natürlich auch eine effektive Personalpolitik betrieben. In der Folgezeit wurden alle IG-Vorstands-Funktionen - bis auf eine - mit ausgewiesenen Cob-ZüchternInnen besetzt. Entspricht die Besetzung der IG Gremien (Beirat/ Vorstand) - zumindest in Ansätzen - der prozentualen Verteilung der Sektionen? Ist die IG Welsh auf dem Weg zu einer Welsh-Cob-Society? s. Welsh aktuell, Ausg.3/1998, v. 15.Juli, S.19. Die Bezeichnung "Cob-Freizeitreiterverein" machte die Runde, s. Welsh-aktuell, Ausg. April 1999, 4.Jhg., S.33.

Norbert Hahn, ehemaliger Vorsitzender des Zuchtausschusses, ausgewiesener Partbred-Experte, aber leider nur Welsh-B- und Partbred-Züchter, fiel der personellen Flurbereinigung zum Opfer, bis er dann selbst im Jahr 2001 von seiner Funktion zurückgetreten ist.

Sukzessive zu diesen inhaltlichen und personellen Umschichtungen sind der IG - trotz mancher Hinweise - Welsh-Partbred-Züchter verloren gegangen. Ich brauche da nicht hilfsweise auf die entsprechenden Teilnehmerzahlen auf den Bundesschauen etc. abzuheben.

Frau Rosenthal berichtet, dass sie erstaunt hat, "...dass insgesamt lediglich ... 5 Partbred-Hengste auf den Regionalschauen in 2003 vorgestellt" worden sind, s. Welsh aktuell, Ausg. März 2004, 9.Jhg., S.15.

  • Bis heute hat es die IG nicht geschafft, dass sich das Gros unserer Partbred-Züchter mit den Zielsetzungen der IG Welsh identifiziert. Woran liegt das? Etwa ausschließlich an den Partbred-Züchtern?

Unser ehemaliger Vors. Prof. Dr. Bauer schreibt 1998 u.a.:

  • "...Man hüte sich vor leichtfertigen und unüberlegten Aussagen in der Öffentlichkeit, die missdeutet werden könnten (z.B. die Bezeichnung der Cob-Hengste als "Königsklasse" im Schaukommentar anlässlich der Bundesschau 1994 in Alsfeld).

    Auch wenn sich die in der IG Welsh organisierten Züchter vorwiegend als nicht turniermäßig Reitende betätigen, so muss uns daran gelegen sein, von dem NUR-Freizeitreiter-Image herunterzukommen... Das gilt insbesondere für Kinder und Jugendliche, die eben nicht zur Entspannung nach Feierabend reiten möchten, sondern gerade den sportlichen Wettkampf suchen. Die Rasse Welsh (einschließlich Welsh-Partbred) bietet doch dazu die besten Möglichkeiten. Wenn diese jugendlichen Reiter dann später als reife Erwachsene die Turnierszene hinter sich gelassen haben und dann noch reiten, dann hat sich die Pflege der sportlichen Kinder- und Jugendreiterei mehr als gelohnt. Die dafür gezüchteten Sektionen, vor allem A,B und Welsh-Partbred sind das Prestige-Kapital der IG Welsh, mit dem wir wuchern sollten," s. Prof. Dr. Bauer, Präsentation der Rasse Welsh und der IG Welsh in der Öffentlichkeit insbesondere in den Medien, Positionspapier, 1998.

Claudia Hoffahrts Formulierung:

  • "Doch möchten wir auch diese Zuchtprodukte gerne auf unseren Zuchtschauen sehen," wirkt da wirklich als zu kurz gegriffen, geht aber richtig ans Herz. Erst jetzt, nachdem der IG-Vorstand in dieser Sache selbst nicht weiter kommt, sollen unsere Partbred-Züchter definieren, "...wo ihre Schwerpunkte liegen und was Sie von der IG Welsh erwarten." Am Schluss ihrer Ausführungen appelliert sie: "...oder sollten lieber ganz andere Wege beschritten werden? Was meinen Sie verehrte Züchter?"

Zusammenfassung
Bei der IG Welsh wurde die Verbandspolitik von Anfang an durch die "rein" gezogenen Sektionen bestimmt. Die Welsh-Partbreds wurden eher als randständig registriert und auch so behandelt. Inzwischen sonnen sich die Welsh-Cobs im Zentrum der Verbandspolitik. Kein Wunder, dass sich wegen dieser ungleichen Verhältnisse Partbred-Züchter aus dem Schaugeschehen (und teilweise auch aus ihrer IG-Mitgliedschaft) zurückgezogen haben. Es ist immer schwierig, ein einmal verlorenes Marktsegment wieder zurückzuholen, zumal auch die FN und die herkömmlichen Reitervereine in ihren sportlichen Angeboten zu neuen Ufern streben. Die FN engagiert sich seit einiger Zeit intensiv und erfolgreich im Freizeitreiterbereich. Örtliche Reitvereine greifen diese Aktivitäten auf. In Konkurrenz zu diesen lokalen Möglichkeiten im Heimatbereich wird sich das "Welsh-spezifische Reiten und Fahren"(gibt es das überhaupt?) auf Dauer schwer tun.