„Es müssen neue Wege beschritten werden!“
Nicht nur Finanzsituation der IG Welsh in der Diskussion
von Eberhard Holin

Nach eigenen Angaben beschäftigen sich aus gegebenem Anlass Vorstand und Beirat mit der Finanzsituation der IG (vgl. Welsh aktuell, Ausgabe Dezember 2004, S.3 u. S.10-11).

Dazu einige Bemerkungen:
Der erste Schritt für die Bereinigung einer prekären Finanzsituation ist immer eine Revision der bisherigen Gesamtkonzeption. Ohne kritische Sichtung der bisherigen strategischen Aufstellung der IG Welsh (die IG als Informations-, Kommunikations- und Dienstleistungs- betrieb) und dem festen Willen zur Veränderung ist jede Sanierung von Teilbereichen nur Stückwerk und langfristig ohne nachhaltige Wirkung. Zur Entlastung des Vorstands und um zukünftigen Ansprüchen besser gerecht zu werden, hatte ich im Zuge der Satzungsänderung (1999) zur Ideenfindung die Schaffung eines „Strategieboards“ vorgeschlagen, wie das in zahlreichen Betrieben üblich ist, um sich in immer enger werdenden Märkten optimaler zu behaupten. Bei dem „ausgeprägten“ Problembewusstsein der damaligen Akteure wurde dieser Ansatz nicht beachtet und zur Seite gelegt.

Inzwischen zeigt sich deutlich, dass
  • „wegen der Fülle und der Erledigung der laufenden Geschäfte“ (und der zusätzlich und freiwillig übernommenen Aufgaben durch den 1. Vorsitzenden: z.B. Richter auf Regionalschauen/Mitglied in zwei Körkommissionen, und durch den Geschäftsführer: zusätzlich 1. Vorsitzender eines lokalen Zuchtvereins)
  • durch die nach Satzung überfrachteten Führungspositionen
  • durch die fehlende Präsentation der einzelnen Sektionen im Vorstand
  • durch die extrem dünne Personaldecke
  • wegen der ausgeprägten Scheu vor Veränderung und
  • wegen der tatsächlich bestehenden aktuellen Machtverteilung innerhalb des Vorstands

eine konzeptionelle Weiterentwicklung der IG durch unser augenblickliches Management nur schwer möglich ist. Um so wichtiger ist eine ständig problematisierende „Generaldiskussion“ über die Zielsetzung der IG. Leider kommt es allenfalls zu Änderungsversuchen in Sekundärbereichen (z.B. Änderung der Geschäftsordnung des Richterkollegiums), die keinerlei Einfluss auf eine Optimierung der Gesamtsituation der IG und eine Qualitätsverbesserung der Rasse Welsh in Deutschland zur Folge haben.

Als Tiger gesprungen und...
Ein Paradebeispiel für das Fehlen einer Gesamt-Konzeption und eigener IG-Standpunkte ist das Taktieren der IG Welsh in Sachen der „Münchener Resolution“, die nach der zunächst zögerlichen Veröffentlichung auf der Website der IG, ihrer Wiedergabe in Welsh aktuell, ihrem Abdruck in Kleinpferde und Ponys, nun erneut im Welsh-Jahrbuch in Erinnerung gebracht wird. Ein peinliches Dokument für die Herumeierei der IG Welsh zwischen WPCS und FN, die Vergleichbares sucht und in der Geschichte der IG einmalig ist.
Einerseits pilgern jährlich Hunderte von deutschen Welsh-Enthusiasten nach Wales, versuchen sich dort im Mekka der Welsh-Zucht auf den Gestüten und Schauen weiter zu bilden und sind dankbar für jede freundliche Aufnahme. Andererseits droht die IG Welsh der WPCS ein Verfahren vor der EU an (zusammen mit Anderen), wenn sie bis zum 1.April 2004 nicht auf die Forderungen der „Münchener Resolution“ eingeht.

Nun nähert sich in wenigen Tagen der Jahrestag dieses gesetzten Termins, und was ist bisher in den vergangenen Monaten passiert? „Soweit uns bekannt ist, lag bis zum Redaktionsschluss dieses Jahrbuchs kein Entschluss und keine Entscheidung der WPCS oder der FN vor,“ so die Leiterin der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit der IG, siehe Welsh-Jhb.2005, S.73. Wie wahr.

Da kann man nur sagen „Als Tiger gesprungen und zunächst als Bettvorleger gelandet,“ und die IG Welsh war - ohne vorherige breite Diskussion in unserer Mitgliedschaft – bei diesem Unterfangen fröhlich mit dabei. Die Tatsache, dass in dem letzten News-Letter der WPCS an keiner Stelle über die Beschäftigung von WPCS-Gremien mit dieser Resolution berichtet wird, macht deutlich, dass in dieser Sache noch viel Wasser den River Wye hinunterfließen wird.

Auf die internationale Reputation der IG Welsh will ich an dieser Stelle nicht eingehen. Ich erinnere an die fehlende Einladung an einen deutschen Richter zur Internationalen Schau in Waregem und an den Leserbrief von Jan Jeursen, NL, zur Qualität der Welsh-Ponys auf unseren Bundesschauen: „Was bei der Bundesschau auffällt ist, dass es einige wenige Topponys gibt, aber in der Masse die Qualität stets mehr abnimmt,“ Welsh aktuell, Dezember 2004, 9.Jhg., S.33-34. Bezieht er sich mit dieser Formulierung etwa auch auf die augenblickliche Qualität der gesamten deutschen Welsh-Zucht? Welche Konzepte werden hinter diesen Entwicklungen sichtbar?

Finanzintensive Einzelposten auf dem Prüfstand
Zur Erreichung einer tragbaren Finanzsituation für die Gesamt-IG müssen m.E. besonders die finanzintensiven Einzel-Positionen auf den Prüfstand gestellt werden.

Dazu gehören u.a.

  • das Welsh-Jahrbuch
  • Welsh aktuell
  • die alljährlich stattfindende Bundesschau
  • der IG-Welsh-Stand auf der Equitana.

Diese einzelnen Problembereiche können nicht isoliert betrachtet werden. Die IG Welsh muss gravierende Finanzprobleme haben, denn wie ist es sonst möglich, dass im Vorstand und Beirat bereits die Frage nach einer nur alle zwei Jahre stattfindenden Bundesschau diskutiert wird.

  • Viele Gedanken hat man sich über die Bundesschau gemacht und dieses Thema ist nach wie vor akut. Unser Dreitage-Event ist inzwischen mit so erheblichen Kosten belastet, dass die Bundesschau für die IG Welsh mit dem derzeitigen Durchführungsmodus nicht mehr tragbar ist. Es müssen neue Wege beschritten werden“, (vgl. Welsh aktuell, a.a.O., S.3).
Zum Welsh-Jahrbuch
Zum Welsh-Jahrbuch 2005 finden sich mehrere Zuschriften auf unserer Webseite. Dieses Interesse unserer Besucher zeigt, dass das Jahrbuch nach wie vor von einer großen Zahl von Welsh-Anhängern geschätzt und als Werbemittel nach Innen und Außen empfunden wird. In diesem Sinne dient es auch der Selbstdarstellung der IG Welsh: „Seht, wir tun was.“ Bei einer grob geschätzten Zahl von rd. 2600 Welsh in Deutschland (2195 eingetragene Tiere Ende 2004, zusätzlich 25 % nicht registrierte Tiere) und bei rd.1300 IG-Mitgliedern (geschätzt) ist - unter inhaltlichen, personellen und finanziellen Aspekten betrachtet - die jährliche Erstellung des Jahrbuchs für die IG Welsh immer wieder ein besonderer Kraft-Akt. Im deutschen Pony-Bereich ist mir keine andere Interessengemeinschaft bekannt, die mit einem derartigen Aufwand eine jährliche Publikation verlegt, wie die IG Welsh.

Es sei auf das von den Herausgebern (Stichting Welsh Jaarboek Nederland) verlegte holländische Jahrbuch verwiesen, das sich nicht nur an die rd. 2500 Mitglieder des Nederlands Welsh Pony en Cob Stamboek wendet, bei dem seit 1959 mehr als 60.000 Ponys/Cobs/Reitponys registriert sind. Pro Jahr werden 1200 Fohlen registriert.

Im Einzelnen
Das Titelbild des diesjährigen Jahrbuchs gefällt, Format füllend ein schön aufgemachtes Führzügel-Trio in farblich nett abgestimmten Outfit. So heißt es denn auch auf der Seite 5: „Führzügelklasse wie sie sein soll: Führerin und Reiterin farblich aufeinander abgestimmt, ein aufmerksames, gelassenes und gut herausgebrachtes Pony.“ Bei der Beurteilung von Führzügel-Trios spielt aber auch der Grundsatz eine nicht unerhebliche Rolle: „Das Pony und die Reiterin müssen größenmäßig zu einander passen.“ Wenn die Reiterin auf einem Welsh-A-Pony sitzen würde, wäre dieses Foto in jeder Hinsicht als Werbemittel perfekt.

Wie im Vorjahr umfasst das Jahrbuch 2005 196 Seiten, davon

  • 60,5 Seiten für die gewohnten Informationen: Mitglieder-, Hengst-, Präfix-Liste und die Fotos für die Sektionen und die Ergebnislisten für die Regionalschauen und die Bundesschau. Es fällt auf, dass die Ergebnisse der Native Pony Show in Neuss und der Regionalschau Rheinland ohne Fotos abgedruckt wurden, aus welchen Gründen? Hat kein Fotograf zur Verfügung gestanden?
  • Das Zuchtjournal umfasst 24 Seiten, eine bunte Palette qualitativ unterschiedlicher Berichte, von denen man einige auch getrost an anderer Stelle des Jahrbuchs hätte platzieren können, wie z.B. den Beitrag über die „Jungzüchterarbeit“.
Was fehlt?
Seit Ende Februar 2004 liegen von der FN die statistischen Daten über die „eingetragenen Stuten und Hengste der einzelnen Welsh-Sektionen und ihre Verteilung bei den deutschen Zuchtverbänden“ vor. Diese Aufstellungen vermitteln einen Überblick über Trends und über die derzeitige Situation der Rasse Welsh. Sie sollten eine der Grundlagen für die Verbandspolitik der IG Welsh sein, negative Entwicklungen ins Positive zu wenden, z.B. für die Öffentlichkeitsarbeit auf Bundes- und Regional-Ebene.
  • Warum werden diese Daten unseren Mitgliedern vorenthalten? Weder in den Ausgaben von Welsh aktuell 2004 noch in diesem Jahrbuch sind sie dargestellt und diskutiert worden. In diesem Jahrbuch fehlt jede Reflektion über das Verhältnis der einzelnen Welsh-Sektionen zueinander und über den „quantitativen Stand der Rasse Welsh“ auf nationaler Ebene.
  • Wo ist im Jahrbuch über die breite Diskussion „qualitativer Aspekte in der Welsh-Zucht“ zu lesen (siehe den Leserbrief von Jan Jeursen, NL)?
  • Warum wurde im „Zuchtjournal“ nicht die immer deutlicher werdende Misere der Sektion Welsh-B thematisiert? Kein Wort zu dieser Sektion - mit Ausnahme einer Passage und einiger Fotos im Artikel von Hinrich Wulf „Das Richten von Fohlen und Jugendklassen“.
Weder über Qualitätsfragen in der Welsh-B-Zucht noch über den immer deutlicher werdenden Abbau der Welsh-B-Population ist in diesem Jahrbuch etwas zu lesen.

Im Rheinland ist die Zahl der eingetragenen Welsh-B-Stuten von 85 am Ende von 2003 auf 55 am Ende von 2004 gesunken, ein Minus von 35,3 %, und das im Verlauf nur eines Jahres! 1998 zählte man im Rheinland noch 126 registrierte Welsh-B-Stuten.

Was muss passieren, damit die IG diese Entwicklung mit ihren Mitgliedern offen diskutiert?

Probleme mit der deutschen Reitpony-Zucht?
Auf 2,5 Seiten wird über die „Reitponyzucht“ auf dem Ferienhof Stücker berichtet. Wohltuend, dass in diesem Bericht der „Einfluss der Welsh-Ponys auf die Reitponyzucht“ angesprochen wird. Zählt man den 2,5-seitigen Bericht über das Bundeschampionat hinzu (im Jhb.2004 war dieser Artikel noch im Zuchtjournal zu finden), so beläuft sich in diesem Jahrbuch die Darstellung der deutschen Reitpony-Zucht im „engeren Sinn“ mit all ihren Facetten auf insgesamt 5 Seiten.

Der Bericht über das Bundeschampionat steht unter dem Oberbegriff „Welsh-Ponys im Sport“. Im Text sucht man jedoch vergeblich die eindeutige Herausstellung einiger aufgeführter Tiere als „Welsh-Partbreds“. An keiner Stelle wird in diesem Artikel auch nur beispielhaft auf den Welsh-Blutanteil eines einzigen Ponys hingewiesen. Es fehlt jeder Hinweis auf den Beitrag, den das „Welsh-Blut“ für die Zucht von Leistungsponys gebracht hat.

Was sollen – im Interesse der Rasse - Welsh-Tuniersport-Begeisterte mit diesem Artikel anfangen, die noch am Anfang ihrer sportlichen Laufbahn stehen, denen die Namen der genannten Hengste und Stuten nicht so geläufig und ihre Pedigrees noch weitgehend unbekannt sind, wenn jeder dezidierte Hinweis auf die Welsh-Basis der deutschen Reitpony-Zucht fehlt? An keinem Beispiel wird dieser Beitrag der Rasse Welsh deutlich gemacht.

Am Ende des Berichts fehlt ein sogenanntes Resümee, in dem spätestens die Bedeutung der Rasse Welsh für die Zucht von Turnier-Ponys hätte herausgestellt werden können. Aber auch diesen Schluss-Akkord sucht man vergebens.

(In diesem Zusammenhang sei an unsere ehemaligen Reitpony-Experten Norbert Hahn, Hermann Arts und Dr. Coenen erinnert, die nicht nur wegen des Desasters der Richterbestellung für die diesjährige Bundesschau die IG verlassen haben).

  • Dafür aber 10 Seiten Reiseberichte. Zählt man den Bericht über das Frühjahrstreffen der IG Richter in Wales hinzu, dann sind das 15 Seiten.
  • 19 Seiten(!) für die immer wieder beliebte Rubrik „Unsere Ponys und Cobs“.

Statt einer offenen Auseinandersetzung über brennende Zucht-Probleme erneut „Die Stute hat gefohlt“ etc.

Dafür fehlt in diesem Jahr die Darstellung der Rasse Welsh im Zweispänner und Vierspänner-Bereich von Cornelia Hohenstein. Im Jahrbuch 2004 war über die „Highlights der Fahrsaison 2003“ noch auf 5 Seiten berichtet worden. Auch auf die Literatur-Sammlung wurde verzichtet.

Zu den Gestütsanzeigen

  • Jahrbuch 2003: 34 Inserenten, 14,5 Seiten schwarz-weiß, 13,5 Seiten bunt, 28 Seiten
  • Jahrbuch 2004: 37 Inserenten, 13,0 Seiten schwarz-weiß, 16,0 Seiten bunt, 29 Seiten
  • Jahrbuch 2005: 27 Inserenten, 10,5 Seiten schwarz-weiß, 7,0 Seiten bunt, 17,5 Seiten.

Dieser Rückgang ist unserem Vorstand aufgefallen. Es hat sicher seine Gründe, weshalb in diesem Jahrbuch auf die Auflistung der Inserenten im Anzeigenindex verzichtet worden ist.

Als Teilaspekt des Problembereichs Welsh-Jahrbuch stellt sich die Frage, ob aus finanziellen und qualitativen Gründen bei der deutlich zurückgehenden Zahl der Anzeigen in Zukunft unser Jahrbuch im bisherigen Umfang beibehalten und seine aufwendige Gestaltung finanziert werden kann.

Grundsatzdiskussion erforderlich
Zu einer nachhaltigen Bereinigung der schwierigen Gesamt- und Finanzsituation der IG Welsh ist auf allen Ebenen eine Grundlagen-Diskussion über die Zielsetzung der IG unverzichtbar.

Für das Welsh-Jahrbuch stellen sich u.a. folgende Fragen:
Ist das Welsh-Jahrbuch ein schön-geistiges „Lesebuch“ für Insider, um es in entspannter Atmosphäre am Kamin zu lesen? Ist es vorrangig als „unterhaltende Information“ für die eigene Mitgliedschaft gedacht oder bildet es vor allen Dingen - besonders unter Marketing-Aspekten - für „potentielle Kundschaft“ einen qualifizierten Informations-Pool über die Rasse Welsh?

Im Einzelnen:
  • Welche Zielsetzung verfolgt die IG mit dem Jahrbuch?
  • Welche Adressaten sollen mit dem Jahrbuch angesprochen werden?
  • Was muss im Jahrbuch unbedingt dargestellt werden?
  • Welche Teilbereiche können beschnitten oder sogar ganz eliminiert werden?
  • Welche Qualitätsstandards hinsichtlich der inhaltlichen und drucktechnischen Gestaltung sind nötig, um die gewünschte Außen- und Innenwirkung zu erzielen?
  • Was sind der IG diese Zielsetzungen wert?