Gedanken zu Zuchtkonzepten der Welsh-Ponys in Deutschland
von Hinrich Wulf

Anlass, hier Gedanken zum genannten Thema vorzutragen, ist die z. Z. zu beobachtende Entwicklung in den deutschen Pferdezucht-Organisationen. Hier zeichnen sich Tendenzen ab, die den Rasse-Interessengemeinschaften in stark zunehmendem Maße die Verantwortung für Zuchtlenkungs- und Absatzförderungs-Maßnahmen aller Art zukommen lassen, die bisher in unterschiedlichem Maße von den regionalen Vielrassen-Zuchtverbänden bestimmt wurden.

Was verstehe ich nun unter "Zuchtkonzept". Für mich geht es dabei über die mehr oder weniger allgemein formulierte Zuchtzielbeschreibung hinaus um die Antwort auf die Frage: Warum oder wofür züchten wir? Diese Antwort kann innerhalb der gleichen Rasse oder Sektion je nach persönlicher Neigung unterschiedlich ausfallen. Eine Züchter-Organisation wird bestrebt sein, auf diese Frage eine Antwort zu finden, die derjenigen der Mitglieder-Mehrheit entspricht. Damit ist das Thema aber nicht für alle Zeiten erledigt. Zeiten und Verhältnisse ändern sich, und deshalb ist es nötig, die Frage nach dem "Warum" bzw. "Wofür" in gewissen Abständen erneut zu stellen und eventuell etwas abgewandelt zu beantworten.

Damit komme ich zum Inhalt meiner Vorstellungen zum Thema: Wofür züchten wir? Ich möchte hierzu auf die einzelnen Sektionen getrennt eingehen und fange an mit der Sektion A, dem Welsh-Mountain-Pony. Das z. Z. in Deutschland existierende Schauwesen - Ponys betreffend - schließt ein Züchten für die Schau (gleich Vorstellung an der Hand) eigentlich aus. Dies gilt auch für alle anderen Sektionen. Natürlich kann man sich Züchter vorstellen, die Welsh-A-Ponys allein aus ästhetischen Gründen züchten, weil sie eben Freude beim Anschauen dieser Tiere haben und ihnen das als Motiv genügt, auch wenn sie keine Bestätigung ihres Geschmacks auf einer größeren Zahl von Zuchtschauen erhalten können. Generell dürfte es sich dabei aber um Ausnahmen handeln, denn schließlich muss jeder Züchter eines Tages einmal überzählige Zuchtprodukte verkaufen. Dann aber entscheidet der Wunsch oder Geschmack des Käufers über den finanziellen Zuchterfolg.

Was kommt dann - außer einer Zucht auf "Schönheit" - für Welsh-A-Ponys noch in Frage? Hier ist nach meiner Auffassung aus langjähriger Marktbeobachtung eine eindeutige Antwort zu geben: Zucht für den Verwendungszweck, Erstpony für Reitanfänger-Kinder (vorzugsweise im Alter zwischen vier und acht Jahren). Gegenüber diesem Verwendungszweck stehen die ebenfalls vorstellbaren Alternativen Turnierpony für bereits erfahrenere Kinder sowie Fahrpony für Freizeit- und Sport-Fahrer deutlich im Hintergrund, wenn sie auch durchaus eine Rolle spielen können.

Wenn in dieser Auffassung Übereinstimmung zu erzielen wäre, müßten Maßnahmen zur Zuchtförderung - einschließlich Hengst- und Stutenbewertung - erheblich stärker als bisher auf die Beurteilung innerer Eigenschaften ausgerichtet werden, die man bei einer Vorstellung im Gebrauch - vorzugsweise unter Kinder als Reiter - sehr viel besser erkennen kann als bei irgendeiner Art von Zuchtschau mit Vorstellung an der Hand. Hier wäre noch eine Menge zu tun. Meines Erachtens wird es höchste Zeit, das Umgänglichkeit, Gehorsam gegenüber unerfahrenen Reitern, angeborene Rittigkeit und intelligentes Erfassen der Fähigkeiten und Wünsche des Reiters bei Welsh-A-Ponys in den Vordergrund gestellt werden gegenüber Äußerlichkeiten wie Kopf- und Kruppenform oder spektakulärer Trab-Aktion. Natürlich soll ein Welsh-A-Pony dabei stets auch von weitem als solches zu erkennen sein, bei guter Rittigkeit und Elastizität ist großer Raumgriff im Trabe nicht von Übel. Muss es aber immer gleich das berühmte Feuer sein? Wer kleine Kinder zu Reitern entwickeln möchte, wird verstehen was ich meine.

Gehen wir nun weiter zur Sektion B dem Welsh-Riding-Pony. Ich verwende hier bewußt diese sonst nur teilweise zu findende Bezeichnung, weil mit ihr der wesentliche Unterschied zum Welsh-Mountain-Pony klar herausgestellt wird.

Der Verwendungsschwerpunkt dieser Sektion, darüber besteht kein Zweifel, liegt im Einsatz als Kinder-Reitpony. Leider enthält diese ziemlich globale Definition ein Kernproblem, das uns immer wieder zu schaffen macht. “Kinder-Reitpony“ heißt nämlich bei genauem Hinsehen sowohl Lehrpony für Anfänger (im Alter zwischen 6 und 12 Jahren etwa) als auch Turnierpony für Kinder mit gewisser Reiterfahrung, die ihre Erst-Ausbildung z. B. auf einem Welsh-A-Pony absolviert haben. Im allgemeinen kommen Kinder in Deutschland leider erst sehr viel später als in Großbritannien zum Reiten.

Grundsätzlich erscheint mir in diesem Zusammenhang wichtig, daß wir uns auch in der Sektion B vor zwei Extremen hüten, nämlich vor dem übermäßig strampelnden, feurig-exaltierten "Beinchen-Schmeißer“ einerseits, der vielleicht sogar noch ein winziges Köpfchen mit Kulleraugen und Mauseöhrchen hat, und andererseits vor der gewöhnlich-phlegmatischen “Schlafmütze“, die wegen Mangel an Leistungswillen als Lehrpony auch nicht zu gebrauchen ist. Dagegen sollten wir gewisse Typvarianten mit etwas schmalerem oder längerem Kopf und etwas kleineren Augen - im Vergleich mit dem Idealmodell - als gleichwertig akzeptieren, wenn sie in ihrer Bewegungsmechanik und - soweit zu beurteilen - ihrer Nervenstärke unseren Vorstellungen von einem guten Kinder-Lehrpony entsprechen.

Natürlich werden Zuchtschau-Richter, durch die unvermeidlich große Typen-Vielfalt in der Sektion-B, bei Betonung der aus so einer Schau nur schwer erkennbaren inneren Eigenschaften wie Umgänglichkeit und Nervenstärke, Leistungs- und Unterordnungsbereitschaft oft vor schwierige Probleme gestellt. Deshalb ist m. E. ein Mindestmaß an eigener Erfahrung im Umgang mit Ponys und in der Ausbildung von Kindern auf Ponys für jeden Zuchtschau-Richter mindestens so wichtig wie eigene Zuchterfolge.

Da auch vermehrt solide Welsh-B-Ponys im Fahrsport eingesetzt werden, sollte es unser Ziel in der B-Zucht sein, den Rasse-Namen im Käuferkreis fest mit dem Image "umgänglich, zuverlässig, gutwillig, vielseitig talentiert und leistungbereit zu verknüpfen und unsere Zuchtprodukte quasi mit Garantieschein zu verkaufen. Wenn Ponys, die nicht dieser Vorstellung entsprechen - vielleicht besonders talentiert und leistungsfähig, aber nur von Könnern zu meistern - unter wenig oder schlecht ausgebildeten Kindern in das Turnier-Gefecht geschickt werden, endet das meistens in einer Katastrophe, durch die das betroffene Kind - vielleicht auch seine Eltern, Verwandten und Freunde - völlig vom Reiten abgebracht werden kann. Die daraus resultierende Negativ-Wirkung für den Absatz unserer Zuchtprodukte kann man sich leicht vorstellen.

Als nächste Sektion ist das Welsh-Pony im Cob-Typ, die Sektion C, zu besprechen. Wenn auch die zahlenmäßige Bedeutung dieser Sektion sowohl in Großbritannien als auch bei uns verhältnismäßig gering ist, so bietet sie doch im breiten Spektrum der Welsh-Zuchtrichtungen eine mir interessant erscheinende Variante. Zwar hat der sensationelle Erfolg des Welsh-C-Hengstes "Persie Ramrod", als bestes Mountain- and Moorland-Pony unter dem Reiter, beim Londoner Olympia-Turnier vor ein paar Jahren (eine sonst vorwiegend von Connemara-Ponys errungene Auszeichnung) die Einsatzmöglichkeit eines Welsh-C-Ponys als Reitpony für leichtere bzw. kleinere Erwachsene überzeugend demonstriert.

Dennoch neige ich zu der Auffassung, dass der Verwendungsschwerpunkt für Welsh-C-Ponys in erster Linie im z. Z. stark wachsenden Fahrsport für Turnier- und Freizeitfahrer zu finden ist. Als größere und knochenstärkere Ausgabe des Welsh-A-Typs, erscheint ein gutes Welsh-C-Pony für diese Verwendung in vielerlei bestens geeignet. Angefangen vom attraktiven Aussehen, über Intelligenz und Gelehrigkeit, Robustheit, Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit bis hin zum energischen Gang und zu einer praktischen Größe, die einerseits die Futter- und Haltungsansprüche gering hält, andererseits aber für die erheblichen Anforderungen im Turnier-Fahrsport voll ausreicht.

Wie in der B-Sektion gibt es auch bei den C-Ponys gewisse Variationen des Rassetyps, die auf Schauen manchmal vor Rangierungsprobleme stehen: Neben dem ausgesprochenen Ponytyp, also dem A-Pony im größeren Format, gibt es auch den kleinen Cob-Typ, also den Welsh-Cob im kleineren Format, der durchaus seine Qualitäten haben kann. Da beide Varianten hinsichtlich des Verwendungsschwerpunkts als fast gleichwertig anzusehen sind, wird die Bevorzugung der einen oder anderen Spielart mehr oder weniger vom Geschmack des Einzelzüchters bzw. des Richters bestimmt.

Als vereinzelt auch zu findende dritte Variante dieser Sektion ist das äußerlich in Richtung der Sektion B tendierende Zuchtprodukt zu erwähnen, häufig aus der nach Auffassung englischer Fachleute generell nicht zu empfehlenden Paarung von B-Ponys mit kleineren Welsh-Cobs entsprungen. Hierbei mag es sich - wenn man Glück hat - um sehr gut zu verwendene Gebrauchsponys handeln. Mich stört jedoch in solchen Fällen sehr das Fehlen eines klar erkennbaren Rassetyps, der sich eindeutig einer bestimmten Sektion zuordnen ließe.

Ich fahre nun fort mit der Frage nach dem Zuchtkonzept für die Sektion D, dem Welsh-Cob. Hier eröffnet sich wieder ein sehr breites Feld denkbarer Alternativen, deren wesentlichste, meiner Ansicht nach, der Einsatz im Freizeit- sowie Turnier-Fahrsport einerseits und der Einsatz als Familien­Freizeitpferd (mit Schwerpunkt Erwachsenen-Reitpferd) andererseits sind.

Ich kenne zwar auch Welsh-Cobs, die im Turnier-Reitsport der unteren Klassen sehr erfolgreich sind, doch halte ich es nicht für sinnvoll, diese Alternative gleichwertig neben die beiden erstgenannten zu stellen. Im Übrigen kann man sich neben diesen Alternativen durchaus eine Mischform ("sowohl als auch") als dritte Möglichkeit vorstellen. Wenn ein gutes Familien-Freizeitpferd, das vorwiegend zu Ausritten, Fuchsjagden u. ä. ge­nutzt wird, und dafür nach Nervenstärke, Halsung, Sattellage, Rittigkeit und Bewegungsmanier geeignet erscheint, dürfte generell auch als Fahr-pferd bzw. -Pony keine Probleme bringen. Andererseits kann man sich bei der Zucht auf eine Verwendung im Turnier-Fahrsport durchaus vorstellen, dass das dafür erforderliche Mindestmaß an "Kampfgeist", in der anderen Nutzungs­Alternative als Familien-Freizeitpferd, gewisse Schwierigkeiten auftreten läßt. Grundsätzlich wäre, nach meiner Auffassung, eine Ausrichtung auf die Verwendung als Familien-Freizeitpferd, mit vorwiegendem Reiteinsatz, für die Züchter-Mehrheit zu empfehlen.

Kommen wir nun zu dem weiten Feld des "deutschen Welsh-Partbred". Der zur Einstufung in diese Kategorie erforderliche Abstammungs-Anteil von 25%, das heißt 4 von 16 Urgroßeltern, kann aus jeder der bisher besprochenen vier Sektionen kommen, der Rest aus allen möglichen sonstigen Quellen. Da ist es nicht schwer, sich die Vielfalt der Varianten vorzustellen, vom obskuren K-Pony mit Welsh-Einschlag bis zum vielseitig talentierten Großpferd aus der Paarung einer Welsh-Cob-Stute mit einem Vollblut-Hengst. Entsprechend groß ist die Freiheit zur Entfaltung der Züchter-Persönlichkeit, aber auch die Summe der Probleme beim Richten so einer bunt gemischten Partbred-Klasse.

Eine stärkere Verbreitung der in Großbritannien seit längerem praktizierten Erzeugung von Welsh-Partbreds im Sportpferd-Typ (über 148 cm WH) ist auch bei uns denkbar und sicher nicht uninteressant. Aus diesem Grunde wäre die bisherige Festlegung der Schauteilnehmer-Größengrenze bei 146 cm Stm. vielleicht eines Tages zu revidieren. Generell empfiehlt sich für diese Kategorie heute schon die in Großbritannien selbstverständliche Schauklassen-Aufteilung nach K-, M- und G-Maßen, wobei dann eben eines Tages vielleicht auch Schauklassen mit Tieren über 148 cm Stm. einzuführen wären.

Für die kaum zu begrenzende Vielfalt der möglichen Erscheinungsformen von Angehörigen der Kategorie Welsh-Partbred, gibt es naturgemäß eine Vielzahl denkbarer Zuchtkonzepte. Unter deutschen Marktverhältnissen läßt sich allerdings recht schnell eine gewisse Rangfolge der ökonomisch aussichtreichen Varianten feststellen. An erster Stelle steht eindeutig der Verwendungsschwerpunkt Turnier-Reitpony der Größenklasse G, für gut ausgebildete Kinder mit sportlichem Ehrgeiz. Mit deutlichem Abstand dahinter, folgt die Zuchtrichtung Turnier-Fahrpony für den Spitzensport, ebenfalls vorwiegend in der Größenklasse G. Als weitere nennenswerte Alternativen sind einmal die Richtung Kinder-Reitpony für Anfänger und Fortgeschrittene (vorwiegend in der Größenklasse M), andererseits die Richtung Erwachsenen­Freizeitpferd (in der Größenklasse über 148 cm Stm.) aufzuführen. Andere Varianten sind vorstellbar, aber z. Z. ohne größere Bedeutung.

Die Einigung auf ein allgemein zu akzeptierendes General-Konzept für die Kategorie Welsh-Partbred erscheint verhältnismäßig einfach, denn die beiden zunächst genannten Alternativen sind ohne Probleme zusammenzu­fassen, da beide Sportzweige in der Spitze ähnliche Ansprüche stellen und sowohl ein hohes Maß an Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit als auch herausragende Qualität hinsichtlich Durchlässigkeit und Bewegungs­mechanik verlangen.

Der dabei unverzichtbare "Kampfgeist" muß durch sehr viel Ausbildung und sportliche Leistungsfähigkeit der Reiter bzw. Fahrer aufgefangen und in die richtige Bahn geleitet werden. Die in dieser Richtung zu beobachtenden Probleme sind bekannt. Mit einer grundlegenden Besserung der Ausbildung unserer Ponyreiter ist in absehbarer Zeit kaum zu rechnen. Eine zu starke Ausweitung der Erzeugung von Partbred-Ponys für den Spitzensport kann deshalb leicht zu einem Mangel an qualifizierten Kaufinteressenten führen, auch wenn immer wieder zu hörende Spitzenpreise einen anderen Eindruck erwecken.

Meiner Überzeugung nach haben wir auch heute schon mehr gute Partbred-Ponys, als Reiter mit der für diese Spitzenponys nötigen Ausbildung und Erfahrung. Die erfolgte Herabsetzung der Altersgrenze für internationale Wettkämpfe trägt zur Verschärfung dieses Problems noch bei.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, lassen Sie mich zusammenfassend feststellen:

Um sinnvoll und erfolgreich zu züchten, muß man nicht nur wissen, wie ein gutes Zuchttier bzw. Zuchtprodukt aussehen soll, sondern auch, warum es so aussehen soll. Der Grund für bestimmte Ideal-Vorstellungen zur äußeren Erscheinung liegt im allgemeinen darin, dass eine bestimmte Skelett- und Bewegungsmechanik für einen bestimmten Verwendungszweck bessere oder schlechtere Voraussetzungen bietet. Dementsprechend sollte man sich auch über den anzustrebenden Verwendungszweck Klarheit verschaffen.

Beim Umsetzen dieser Ziele wünsche ich Ihnen weiterhin viel Erfolg.